Was lange währt… {Lillan Dress}

Ihr wisst, ich stehe nicht auf Fast Fashion. Slow Sewing ist meine Devise. Im Falle des Kleides, das ich euch heute zeigen möchte, muss man schon von very, very, veeeeery Slow Fashion sprechen. Geplant war es für kurz vor Weihnachten, fertig geworden ist es letzte Woche. Dass das Kleid es überhaupt auf den Blog geschafft hat, grenzt an ein Wunder, denn hätte ich nicht diesen wunderschönen Musselin von Lebenskleidung dafür zur Verfügung gestellt bekommen, hätte ich es wahrscheinlich nicht vollendet…

* Werbung * Eines mal vorneweg: Ich liebe dieses Kleid! Es ist genau meins. Es ist grau, es ist lässig, es ist bequem und es hat zauberhafte Details, die es ganz besonders machen. Aber der Weg zu meinem neuen Lieblingskleid war steinig und lang. Sehr lang. Schon im Oktober habe ich diesen wunderschönen grauen Musselin von Lebenskleidung bekommen. Der Stoff hat eine tolle, gestreifte Struktur, die so gar nichts mit Spucktüchern zu tun hat, aber fast genauso weich und kuschelig ist. Das doppellagige Gewebe ist etwas fester als gewöhnlicher Musselin und dadurch wunderbar blickdicht und schön griffig. Und das freundliche (hihi) Grau passt einfach perfekt in meine Garderobe. Dieser Stoff hat mein Herz im Sturm erobert, was mir inzwischen nicht mehr so oft passiert, denn ich hab schon so einiges gesehen, gestreichelt und vernäht. Aber der hier ist echt ein Traum.

Die Suche nach dem passenden Schnitt fand ein schnelles Ende, als ich zufällig über die Schnitte von Nanöo stolperte. Das Lillan Dress mit der seitlich versetzten Knopfleiste hat mit sofort gefallen und wenn man bei Instagram nach dem Kleid sucht, findet man viele tolle Beispiele aus Musselin. Das ist für mich immer ein wichtiger Anhaltspunkt. Schließlich möchte ich einen zur Verfügung gestellten Stoff nicht „versauen“, sondern möglichst perfekt präsentieren. Kurz habe ich überlegt, ob ich nicht einfach das ähnlich geschnittene Mittsommer-Kleid von Lotte&Ludwig hacken sollte, das seit meiner ersten Version schon ewig auf ein Remake wartet. Aber Dank des Black Friday, habe ich mich doch für das Original entschieden, obwohl es den PDF-Schnitt NICHT als A0-Datei gibt. Eigentlich ein No-Go für mich, aber man muss ja auch mal rechts und links der gewohnten Wege Ausschau halten, nicht wahr?

Die 24 Seiten waren dann doch recht schnell gedruckt und geklebt und der Stoff zugeschnitten. Die Größenauswahl war dabei schwierig, denn es ist nicht wie gewohnt eine Größentabelle angegeben, sondern nur kurz die Maße des fertigen Kleides aufgeführt. Und es gibt nur 4 Größen. Anhand des Brustumfangs entschied ich mich für Größe T3 und verlängerte das Oberteil gewohnheitsgemäß um 2 Zentimeter.

Genäht war das Kleid dann sehr schnell, doch bei der ersten Anprobe erfolgte ich Ernüchterung. Was ich da trug, erinnerte am ehesten an einen Kartoffelsack. Grau und unförmig. Verdammt! Das Oberteil war mir viel zu weit an der Taille, hinten hing alles komisch runter, die Schultern hingegen passten gut. Ja, es ist ein gerade geschnittenes Kleid ohne Taillierung. Aber SO weit?! Ich überlegte, einen Gummizug in der Taille einzubauen, wie es als Option im Schnitt vorgeschlagen wird, das war aber optisch auch nicht der Hit. Also konsultierte ich meinen Freund, den Nahttrenner, und wir beschlossen, dem Kleid etwas mehr Form zu geben. Ich trennte das Rockteil ab und taillierte das Oberteil ab Brusthöhe abwärts stark. Ingesamt habe ich in der Taille locker zehn Zentimeter Weite herausgenommen. So genau kann ich das gar nicht mehr sagen, weil ich immer wieder geheftet und probiert habe, bis ich den gewünschten Sitz erreicht hatte. Auch die zwei Zentimeter Verlängerung habe ich wieder heraus genommen. Das Rockteil blieb unverändert und wurde etwas stärker gerafft als zuvor wieder ans Oberteil angenäht.

Heraus kam ein Kleid, das immer noch kein Oberburner war, aber immerhin tragbar. Saum, Ärmel- und Halsausschnitte versäuberte ich mit meiner Lieblingsmethode, nämlich mittels unsichtbar, innen aufgenähtem Schrägband. Dafür habe ich einen Rest Bio-Leinen verwendet, das von meiner Amanda übrig geblieben war und das ich letztes Jahr schon mit Avcadoschalen rosa gefärbt hatte. Ich finde, das ist immer ein hübsches Detail, wenn am Saum etwas Farbe hervorblitzt – vor allem an einem ansonsten gänzlich grauen Kleid.

Zum Schluss stellte sich nur noch die Frage nach den Knöpfen. Ich bin fast verzweifelt, weil ich von keinem einzigen der Knöpfe in meiner doch recht umfangreichen Sammlung genügend Exemplare zur Verfügung hatte. Einer hat immer gefehlt. Und irgendwie hatte ich auch so langsam schon gar keine Lust mehr, dieses Kleid überhaupt zu vollenden. Und als die Knöpfchen da alle so schön nebeneinander lagen, kam mir die Erleuchtung. Statt der vorgesehenen fünf oder sechs einzelnen Knöpfe, baute ich dreizehn bunt gemischte, kleine Knöpfe aus meiner Sammlung ein – eher als dekoratives Element statt als funktionale Knopfleiste. Auf Knopflöcher habe ich dabei verzichtet, ist klar, oder?! Und da war dann plötzlich der Moment, in dem aus dem grauen Lillan Dress MEIN Kleid wurde. So ist es perfekt für mich. Hat nur drei oder vier Monate gedauert. Slow Sewing par excellence, würde ich sagen. Das Fotografieren ging dagegen dieses Mal richtig schnell. Wir hatten sogar richtig Glück mit dem Wetter und ich musste trotz der kurzen Ärmel nicht mal frieren.

Und die Moral von der Geschicht‘? Beim Designnähen lieber auf bewährte Schnitte zurückgreifen. Man weiß ja nie… Und andererseits: Ende gut, alles gut. Versteht mich nicht falsch: die Grundidee des Schnittes ist toll! Und jetzt, wo ich weiß, wie ich es für mich ändern muss, bin ich mir sicher, dass es noch das ein oder andere weitere Lillan Dress in meinem Kleiderschrank geben wird. Aber der Weg dorthin war steinig. Ich bin mir nicht sicher, ob es an mir lag, an meiner Figur oder an meinen Erwartungen, denen das Resultat vorerst nicht entsprochen hat. So richtig weiterempfehlen kann ich den Schnitt daher nicht. Die Anleitung ist auch eher knapp gehalten (immerhin viersprachig – Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch) und für Anfänger weniger geeignet, auch wenn der Schnitt selbst eher simpel zu sein scheint. Vielleicht macht es mehr Sinn, einen bewährten Schnitt zu hacken, um eine versetzte Knopfleiste zu haben? Der Stoff immerhin ist ein Knaller. Ich habe noch einen Rest übrig, da ich letztendlich auf die Ärmel für das Kleid verzichtet habe. Vielleicht schaffe ich es, noch einen Rock für mich aus dem Rest heraus zu puzzeln. Schnittmustertetris kann ich, wie ich euch bald beweisen werde…

Ulrike

 

Schnittmuster Lillan Dress von Nanöo, Größe: T3, Änderungen: Oberteil stark tailliert.
Stoff
Bio-Musselin in Anthrazit von Lebenskleidung (der Stoff wurde mir kostenlos zur Verfügung gestellt)

Verlinkt bei Rums, Ich näh‘ bio und Selbermachen macht glücklich.

12 Kommentare

  1. Oh mann… der Weg zu diesem wunderschönen Kleid klingt wirklich steinig. Aber ich bin froh, dass du durchgehalten hast – sonst hätten wir dieses inspirierende Teil hier nie zu Gesicht bekommen! Ich finde, es steht dir super und tatsächlich ist dies das erste Mal, dass ich Musselin schön finde. Normalerweise denke ich bei dem Stoff auch immer an Spucktücher – aber in dieser Kombination finde ich den Stoff großartig. Und die Knöpfe sind natürlich das I-Tüpfelchen :)

    Danke für die Inspiriration!
    Liebe Grüße von Wiebke

  2. Toll, dass du durchgehalten hast und das Kleid doch noch deins geworden ist. Zu gut kenne ich solche Leidenswege. Aber nun ist es wirklich deins und einfach ganz ganz toll. Und die Knopfsammlung ist das i-Pünktelchen – zum Glück hattest du nicht genug gleiche Knöpfe vorrätig. Ich wäre schon fast in Versuchung geraten, das Kleid auf die to sew-Liste zu setzen – aber Kartoffelsack etc. … da kopiere ich vorher die Idee hinter dem Schnitt auf einen bewährten Schnitt, falls ich dann mal zu dem Punkt auf der to sew-Liste komme, irgendwann … slow sewing und so ;-)
    Glg Kathrin

  3. Manchmal braucht es einfach Zeit, Nachdenken, Mut zum Trennen und zweite Chancen … Dein Kleid ist am Ende jedenfalls ganz wunderbar geworden und steht dir total gut.
    Liebe Grüße von Doro

    • Oh daaaaaanke!!! Ja, manchmal steckt der Wurm drin. Zum Glück ist am Ende doch noch alles gut gegangen. Liebe Grüße, Ulrike

  4. Gut Ding will Weile haben. Scheint sich bei dir in diesem Fall auch bewahrheitet zu haben , denn dein Kleid sieht lässig und sehr bequem aus. Toll, deine ehrlichen Worte am Ende zu diesem Schnitt.
    Liebe Grüße Kirsten

  5. Gut, dass du das Kleid noch vollendet hast – es ist so schön geworden! Dass die Nanöo – Schnitte sehr großzügig ausfallen musste ich auch schon feststellen.
    Liebe Grüße
    Britta

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