{Mein Milchmädchen} und eine (Ab-)Rechnung

Probenähen sind ja echt so eine Sache. Sie kosten nämlich mehr als man denkt. Zeit, Geduld und Material. Trotzdem habe ich mich mal wieder in ein Probenähen gestürzt und Svenja von Lotte&Ludwig geholfen, ihre Milchmädchen-Shorts an die mütterlichen Popos anzupassen. Eine meiner inzwischen sechs (!) Milchmädchen zeige ich euch heute und ich rechne ein bisschen mit dem Mythos „Probenähen“ ab.

Werbung | Das Schnittmuster wurde mir im Rahmen des Probenähens kostenfrei zu Verfügung gestellt. Die verwendeten Stoffe und meine Zeit hat mir aber niemand bezahlt. So ist das eben.

Als Svenja zum Probenähen für Mein Milchmädchen aufrief, flirrte bei uns vorm Fenster die Luft vor Hitze, meine Töchter lagen mir mit ihren Wünschen nach kurzen Hosen in den Ohren (Mama hat mal wieder den Wetterwechsel verpennt) und ich wusste nicht mehr, was ich noch anziehen (oder besser ausziehen) sollte. Am liebsten hätte ich ja gar nichts getragen. Kommt aber echt komisch hier in der Provinz. Und dann war da dieses Foto von der lässigen, kurzen Hose im Retro-Look und – zack – meine Bewerbung war draußen. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, gar keine Probenähen mehr zu machen, aber manche Schnitte und Designer reizen mich dann doch immer wieder.

An dieser Stelle erst einmal ein herzliches Dankeschön an dich, liebe Svenja, dass du mich immer mal wieder mitnähen lässt. Für einen Schnittmusterdesigner muss es eine Qual sein, sich durch die zahllosen „Bewerbungen“ zu ackern. Die Probenäher müssen schließlich weise ausgewählt werden. Nicht nur benötigt man ausreichend Feedback für alle geplanten Größen, sondern man muss sich auf die Näher(innen) auch verlassen können. Logisch, dass man da lieber auf „alte Bekannte“ und „große Namen“ setzt, als auf jemanden, den man so gar nicht kennt. Es dürfen nicht zu viele sein, denn dann wird’s unübersichtlich und irgendwer muss das zu entwickelnde Ebook ja auch kaufen. Aber auch nicht zu wenige, denn dann fehlen am Ende Daten und – isso – Werbung. Man braucht working horses, die wahnsinnig viel Zeit und Motivation mitbringen und innerhalb kürzester Zeit alle Varianten durchnähen und detailliertes Feedback geben. Man braucht die, die am Ende schicke, werbetaugliche Bilder präsentieren. Und man braucht die, die auf Instagram oder Facebook oder sonstwo ordentlich Reichweite mitbringen und das Ding „verkaufen“ können. Ich kenne es ja nicht aus der Perspektive des Schnittmusterdesigners, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es eine wahre Mammutaufgabe ist – vom Managen einer Probenähfacebookgruppe mit lauter schwatzhaften Weibern (hihi) mal ganz abgesehen! Chapeau!

Und dann frage ich mich: Warum wollen eigentlich immer alle probenähen? Mal ganz ehrlich, das macht richtig Arbeit und kann ganz schön ins Geld gehen. Im Fall der Milchmädchen-Shorts ist das jetzt weniger dramatisch, denn da verbrennt man nicht viel so Material, wenn der Schnitt am Anfang einfach nicht sitzt. Mein erstes Milchmädchen ist jetzt eine Schlafanzughose und keiner wird sie je zu Gesicht bekommen. Ist nicht so schlimm, denn ich habe es aus einem alten Herrenhemd upgecycelt, aber die drei Stunden Arbeit, die ich reingesteckt habe, sind weg. Stellt euch mal vor, ihr näht ein ganzes Kleid oder eine Jacke zur Probe, kauft zwei oder drei Meter Stoff und das Ding sitzt nicht. Da sind dann schon mal zwanzig, dreißig, fünfzig oder noch viel mehr Euro weg. Von der investierten Zeit mal ganz abgesehen. Als Gegenleistung erhält man ein Schnittmuster für ein paar Euro und das gute Gefühl etwas beigetragen zu haben zu einem neuen und einzigartigem Schnittmuster am Markt. Dieses gute Gefühl kann man sogar ausrechnen.

Achtung, es folgt eine Milchmädchen-Rechung:

  • Materialeinsatz 1,80 Euro (upgecycelt aus einer Bluse, Knöpfen von einem alten Herrenhemd und einem übrigegbliebenem Schnürsenkel sowie 90 Zentimeter Gummiband für 2 Euro pro Meter, Garn berechne ich mal nicht…)
  • Zeitaufwand fürs Nähen (inklusive Schnittmuster drucken, kleben, schneiden) ca. drei Stunden. Ergibt unter Verwendung des aktuellen gesetzlichen Mindestlohns von 8,84 Euro pro Stunde (denn ich bin ja keine gelernte Schneiderin, auch wenn ich mittlerweile gut höher ansetzen könnte, aber wir wollen mal nicht so sein) 26,52 Euro
  • Zeitaufwand fürs Fotografieren und Bloggen ca. drei Stunden, ergibt bei einem fiktiven Stundensatz von 49,00 Euro (denn das ist ja mein Fachgebiet) 147,00 Euro
  • Zu guter letzt: Abschreibungen für meinen Fuhrpark, Werkzeug, Kosten für Arbeitsmaterial, Arbeitsplatz und alles Pipapo ganz kunterbunt zusammengewürfelt ungefähr 20 Euro für dieses eine Projekt
  • Macht unterm Strich 195,32 Euro für mein Milchmädchen

Krass? Ja, krass! Das ist am Ende der eigentliche Wert dieser Shorts, die ihr für aktuell noch für fünf Euro bei Dawanda oder Makerist kaufen könnt. Man könnte also sagen, das oben genannte gute Gefühl ist mir ungefähr 190 Euro wert. Man könnte aber auch sagen: Probenähen macht (meistens) Spaß und ist (zum Glück) unbezahlbar.

In aller Kürze kommen hier noch die Details zu meinem sommerlichen Milchmädchen (sonst muss ich die Rechnung gleich wieder über Haufen werfen und es wird noch teurer, weil das Bloggen so lange dauert): Genäht habe ich sie in Größe 36 bei einem Poumfang von 94 Zentimetern und um vier Zentimeter gekürzt aus einer Viskose-Mischung, die vorher mal eine Bluse war. Das Schrägband habe ich aus dem Material selbst hergestellt, so fügt es sich schön in Farbe und Fall ein. Fertiges Schrägband wäre viel zu steif gewesen für diesem Hauch einer Hose. Die Knöpfe sind von einem alten Herrenhemd und die Kordel war mal ein Schnürsenkel und bei einem paar Sneakers extra mit dabei. Die Sneakers gibts schon lange nicht mehr, aber Schnürsenkel hebe ich immer auf. Die Shorts hat einen eher lockeren Sitz, den man noch betonen kann, wenn man hinten wie bei der Kinderversion Falten einnäht anstelle der Abnäher. Aber psssst, ich finde die Abnäher viiiiel besser. In den seitlichen Vorderteilen sind zwei riesige Taschen eingearbeitet und versäubert wird das Ganze komplett mit Schrägband. Insgesamt ein ziemlich anfängertauglicher Schnitt, bei dem höchstens das Schrägband für Aufregung sorgen könnte. Als Material empfiehlt sich fast alles. Am schönsten finde ich aber die Versionen aus locker fallenden Materialien wie Viskose oder Leinen. Wirkware geht auch, fällt aber irgendwie ganz anders aus. Ich habe für mich und alle drei Kinder Milchmädchen-Shorts aus Denim Sweat genäht und wenn ich es schaffe, davon vernünftige Partnerlook-Fotos zu machen, dann gibt’s noch einen Post dazu. Ich lege euch aber eher Webware ans Herz. Je nachdem, welches Material man verwendet und wie man das Schrägband einsetzt, kann die Hose lässig, retro, sportlich, maritim oder romantisch wirken. Sogar Versionen mit Spitze habe ich schon gesehen. Ehe ich’s vergesse: Das Oberteil ist mein Amanda Top… ich habe allerdings die zweite Rüsche rausgenommen. War mir für den Alltag doch ein bisschen zu rüschig. Jetzt ist’s perfekt.

Das Schnittmuster gibt’s jetzt bei Lotte&Ludwig und wenn sich der Sommer mal wieder blicken lässt, braucht ihr es ganz bestimmt. So. Und nun erzählt mir mal, was ihr von meiner Milchmädchenrechnung haltet. Ich wurde damals im Studium mit solchen Fragestellungen gequält. Heute finde ich es ganz lustig (und manchmal auch hilfreich), dass ich bestimmte Dinge einfach ausrechnen kann… Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was (euch) so ein Probenähen wert ist?

Ulrike

Verlinkt bei AfterWorkSewing.

8 Kommentare

  1. Tolle Shorts und gute Rechnung! Aber du hast Papier und Tesa vergessen, denn wie oft druckt man manchmal ;-)

    Liebe Grüße Dominique

  2. Klasse Shorts!
    Deine Rechnung ist super aber wie Dominique schon schreibt, noch unvollständig. Es fehlt weiterhin die Auflistung der Zeit, die man für das Feedback und die Passformbilder und -Beschreibung an den Schnittmusterersteller benötigt. Bei durchschnittlich 3 Schnittversionen kommt da auch einiges zusammen. ;-)
    Liebe Grüße Jana

  3. Ein sehr schöner Beitrag. Ich habe mich auch schon oft gefragt, inwiefern sich das Probenähen eigentlich auszahlt… jetzt hast du mir nochmal sehr deutlich vor Augen geführt, warum es für mich (neben ohnehin chronischem Zeitmangel) keine wirklich gute Option ist.
    Dennoch finde ich deine Shorts ganz fantastisch und liebäugele sehr mit dem Schnitt. Abee dann investiere ich lieber gerne in die Kosten für das Schnittmuster, um danach ganz in Ruhe und ohne Druck mein Milchmädchen nähen zu können ;)
    Viele liebe Grüße!
    Ute

  4. Tolle Shorts! Da würde ich auch gerne direkt loslegen. Der Schnitt kommt auf jeden Fall auf meine Wunschliste.
    LG

  5. Eine richtig tolle Shorts ist das geworden und mir scheint deine Stoffwahl genau die richtige zu sein. Fällt jedenfalls richtig schön. Ebook soeben gekauft :-) LG Mandy

  6. Christina

    Ich mag solche Rechnungen auch ☺️
    Ich rechne oft vor, was mein selbstgenähter/s Mantel/Kleid/Shirt… „gekostet“ hat, wenn mal wieder jemand sagt, wie viel Geld ich damit sparen kann, oder fragt, ob ich ihm/ihr das nicht auch mal schnell machen kann.
    Gerne rechne ich auch vor, was ein Shirt für 7,50€ eigentlich kosten müsste.
    Puh, hört sich ätzend an.
    Aber es ärgert mich immer, dass viele da so unreflektiert sind.
    Warum so viele gerne Probenähen, habe ich mich schon oft gefragt. Vielleicht, weil man am „Schöpfungsprozess“ beteiligt ist? Ich bin allen Probenähern jedenfalls dankbar.
    Bekomme ich dadurch doch (in der Regel) gut sitzende Schnittmuster und gut durchdachte Anleitungen zu oft günstigen Preisen.
    Grüße Christina

  7. Liebe Ulrike, in dir steckt ja neben deiner ganzen Kreativität eine knallharte Betriebswirtschaftlerin :-) ich habe mit Begeisterung deinen Beitrag gelesen und kann sagen, ja so ist es. Aber es macht Spaß und wenn einem ein Projekt sofort anspricht kann man nicht nein sagen.
    Liebe Grüße Kirsten

  8. Deine Shorts sieht Klasse aus und mit dem Schnitt liebäugle ich jetzt auch :-) Toller Beitrag, auch ich habe mir schon oft die Frage gestellt, warum so viele so gerne Probenähen möchten? Aber ich bin auch sehr dankbar dafür das es so viele tolle Frauen gibt, wie du zum Beispiel, die sich die Mühe machen, viel Geld und Zeit investieren, so dass wir immer wieder schöne und gute Schnitte kaufen können. Es gibt nichts ärgerlicheres als sich einen Schnitt zu gönnen, der nicht gut sitzt oder bei dem die Beschreibung echt schlecht ist. Und ja Nähen ist ein kostenintensives Hobby, das zwar total schön ist und so viel Spaß macht, aber es ist nicht günstig so wie viele immer denken.

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