SuSeTalks mit Andrea {Frau Hein}

Deutliche Worte für den Verschwendungswahn in der Näh- und DIY-Szene findet heute Andrea alias Frau Hein in den SuSeTalks. Was ihrer Meinung nach schief läuft und was wir besser und anders machen sollten, verrät sie uns im Interview.

Hallo Andrea, ich freue mich, dass du mit mir übers Thema „Nachhaltigkeit beim Nähen“ reden möchtest. Aber zunächst: Stell dich einmal kurz vor. Wer bist du, wie kamst du zum Nähen und wo findet man mehr über dich und deine Werke?

Hallo Ulrike, Danke dass ich bei dieser tollen Blogtour und den dazugehörigen Interviews dabei sein kann – das ist nämlich ein Thema, das mich sehr interessiert! Ich bin Andrea, gebürtig aus dem Rheinland, gelernte Architektin mit mittlerweile kleinem Nähgewerbe und frische 42 Jahre jung. Im echten Leben sowie der Netzwelt bin ich frau hein und blogge seit nun 4 Jahren fast täglich auf Instagram (https://www.instagram.com/frau_hein_/) und seit 3 im eigenen Blog (https://frauhein.de/).
Genäht habe ich aber schon als Kind , zB einfache Kleidung für die Barbies. Unsere Mutter hat früher viele verschiedene kreative Sachen ausprobiert, da habe ich schon immer gerne mitgemacht. Mit 18 habe ich dann Kleidung abgepaust und als Alien-Karnevalskostüme umgesetzt, ein paar Jahre später habe ich mir dann endlich eine Nähmaschine zugelegt und den gesamten Freundeskreis mit meinen Werken beschenkt. Das waren damals aber „nur“ Taschen, Kuscheltiere und Kissenhüllen – Kleidung nähe ich erst seit ein paar Jahren, seitdem ich eine neue, bessere Nähmaschine habe und sich die Nähszene mit den ganzen Schnittmustern so sehr aufgebaut hat … mit den rudimentären Burda Beschreibungen bin ich vorher leider nie klar gekommen ;DDD

Was bedeutet für dich Nachhaltigkeit beim Nähen?

Nachhaltig zu sein bedeutet für mich, nachzudenken, ob ich den Schnitt oder den Stoff nun wirklich brauche! Dazu hat Annika ja schon etwas gesagt, das mich seit Jahren beschäftigt und dem ich sehr kritisch gegenüberstehe: klar, die Nähszene hat für viele einen großen wirtschaftlichen Faktor – dazu muss man ja nur mal über so einen Stoffmarkt schlendern, und große Firmen haben feste Designnäher, die für die Stoffe Werbung machen… aber wie viele Oberteile brauche ich wirklich?? Manche Bloggerinnen zeigen ja mehrere Teile pro Woche, ziehen sie das dann auch an? Oder landet es quasi ungetragen in einer von diesen Probenäh-Verkaufsgruppen? Das ist dann ja nur für`s Bild, die Werbung und die Likes genäht und hat natürlich somit NULL mit Nachhaltigkeit zu tun. Und ehrlich gesagt ist es für mich dann auch nicht mehr so interessant, immer die gleiche Pose mit dem nächsten Outfit anzuschauen. Ich mag lieber einen wilden Mix aus allem, so wie das echte Leben eben ist.

Als Hobbynäherin weißt du, wieviel Zeit und Material in einem Kleidungsstück stecken. Inwieweit hat dieses Wissen deinen Konsum von Kleidung von der Stange beeinflusst?

Indem ich irgendwann aufgehört habe, Sachen für mich zu kaufen! ;)
Ich war noch nie so die Shopping-Queen, auch wenn ich natürlich mag, (für mich) schöne Sachen zu tragen. Aber auch früher schon habe ich oft gedacht „Toller Schnitt, aber bitte nicht so ein Plastik-Stoff“ oder „echt cool, aber ich würde das lieber in einer anderen Farbe haben“… das ist natürlich jetzt machbar, wo ich meine Kleidung selbst nähe.
Seit nun 3 Jahren kaufe ich keine Kleidung mehr für mich. Das war eigentlich nur eine kleine Challenge an mich selbst und für 1 Jahr angedacht, aber dieses sitzt man ehrlich gesagt auf einer A-backe ab, so viel Zeug wie man im Kleiderschrank hat. Also habe ich einfach weiter gemacht. Und auch irgendwie krasser als ich geplant hatte: ich habe jetzt in 3 Jahren nur 2 Paar Schuhe gekauft (die ich ja eher nicht so einfach herstellen kann – obwohl ich da grad auch schon wieder einen coolen Schnitt gesehen habe ;)) und noch nicht mal Socken oder Unterwäsche. Und jetzt langsam „tut es weh“ und reizt mich dadurch erst recht… an BHs zum Beispiel habe ich mich noch nicht ran getraut, das wird jetzt höchste Zeit, wenn ich nicht nur in Jersey Sportbustiers rumlaufen will ;DDD

Als berufstätige Mama ist (Näh-)Zeit oft Mangelware, aber ehe man sich versieht, hat die neue Hose des Sohnemannes schon wieder ein Loch. Wie schaffst du es, trotzdem nicht in die Fast Fashion Falle zu tappen?

Ich gehe einfach nicht shoppen! ;)
Für mich ja sowieso nicht mehr, aber unser Sohn hat auch schon immer alle Kleidung meines Neffen geerbt, der 1 Jahr älter und sehr viel größer ist, so dass wir immer noch sehr viele Sachen übernehmen (Danke an meine Schwester an dieser Stelle!!! :-*).
Er LIEBT seinen Cousin und auch, wenn er seine Kleidung tragen darf, das ist total schön. Ich ergänze dann einfach mit genähter Kleidung – und ca. 2x im Jahr gehen wir auch mal los und er sucht sich einen Spiderman Pulli aus oder so etwas –  beim letzten Mal waren es sogar nur Superhelden-Socken, und der Rest interessierte ihn gar nicht. Aber grundsätzlich möchte ich ihm meine Entscheidung, nur zu nähen, nicht aufdrängen, Kleidung soll Spaß machen!
Aber gerade erst habe ich gesehen: eine Kinder Sweatjacke aus Bio-Baumwolle bei Aldi für 7€… klar, dass da alle Mütter zugreifen und sich wegen des Biostoffs auch noch gut fühlen. Aber ich zucke innerlich, weil ich für das Geld ja nicht mal den Bruchteil des Materials bekomme, mal abgesehen von den Stunden Arbeit, die drin stecken. Das muss man sich einfach bewusst machen! Aber nicht-Nähern ist das eben einfach nicht so klar.

Mending und Upcycling liegen im Trend. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen? Welches sind deine liebsten Upcyclingprojekte?

Ich denke, so langsam machen sich alle bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Im Großen mit unserer Welt und dem riesen Müllproblem, aber auch im Kleinen… wir haben jetzt alle jahrelang wie im Wahn Schnittmuster und Stoffe gekauft und sollten mal überlegen, was wir mit dem Zeug wollen! Und dieses Besinnen ist gut!
UWYH (Use what you have) ist ja grad sehr populär, genauso wie eben auch das Upcycling – wir alle haben genug Materialien da und können sie nutzen! Gute Stoffe können auch nach Jahrzehnten noch toll sein, also warum nicht den Mantel der Oma nehmen und noch etwas Neues draus machen?!! Das macht ja auch Spaß!
Ich nähe ja gerne Taschen und nutze Stoffe meist dafür. Da ist es auch so, dass man wirklich gar nicht mehr erkennen kann, dass es sich um einen „alten“ Stoff und ein ausrangiertes Kleidungsstück handelt.

Wo kaufst du deine Stoffe am liebsten und auf welche Kriterien achtest du am meisten beim Stoffkauf? Welches ist dein Lieblingsstoff und warum?

Mittlerweile kaufe ich den größten Teil online, einfach weil es so praktisch ist. Aber grundsätzlich wohne ich ja am Rande Berlins, da kann ich mit einer Stunde Fahrt wirklich tolle Läden erreichen… am allerliebsten mag ich Frau Tulpe. Ich habe damals in der Nähe gewohnt, als der Laden eröffnet wurde, das war wie eine Offenbarung für mich… und immer noch ist die Auswahl an wunderschönen hochwertigen Stoffen einfach toll.
An sich bin ich Fan von Alexander Henry Stoffen! Ich mag Webware am liebsten, und diese wunderschönen bunten wilden Muster finde ich einfach perfekt

Welches ist dein liebstes Schnittmuster in deiner Sammlung? Und woran könnte man einen besonders nachhaltigen Schnitt erkennen?

Ich habe kein liebstes Schnittmuster, eher so meine Lieblinge an Schnittmuster-Erstellern! Und da mag ich total die retro-angehauchten Schnitte! In Deutschland sind es Rabaukowitsch und Lotte & Ludwig, aber fast noch mehr liebe ich Twig & Tale aus Neuseeland. Mein absoluter (mittlerweile nicht mehr so) Geheim-Tipp an englischen Schnittmustern! Sie sind liebevoll gemacht, gut ausgearbeitet, versprühen für mich immer so einen leicht fernwehmütigen märchenhaften Charme – und alle Schnitte verweisen schon immer auf die Verwendung von Upcycling! In der Facebook-Gruppe freuen sich immer alle, wenn dort in den sogenannten „Op-Shops“ (karitative 2nd Hand Läden) diese wunderschönen karierten Wolldecken günstig gefunden werden, aus denen dann tolle neue Westen und Jacken entstehen, das ist so schön!

In den Social Media wird man ständig mit schönen Bildern von tollen, neuen Schnitten und genialen Stoffen konfrontiert. Das ist zwar einerseits ein wunderbarer Quell von Inspiration, erzeugt aber andererseits auch den Druck mithalten zu müssen. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Ich schaue mittlerweile wirklich weniger. Oder freue mich mit, habe aber eben meine eigenen x Projekte auf dem Tisch, die ich (erstmal) machen möchte. Wir verdaddeln einfach viel zuviel Zeit mit dem Internet! Es ist sehr schwer, da ruhig, aber essenziell notwendig, bei sich selbst zu bleiben! Nicht nur beim Nähen, auch generell im Leben!
Ich habe mein eigenes Tempo, und dieses lerne ich eigentlich jetzt erst kennen, nachdem ich aus der „Corporate job“-Mühle raus bin. Also mache ich eigentlich immer weniger als mehr. Dann habe ich eben weniger Follower/ Bekanntheitsgrad/ Kunden/ wasauchimmer…  aber das ist mir egal, solange ich glücklich und gesund bin!

Was sind deine Tipps für noch mehr Nachhaltigkeit beim Nähen? Welches nachhaltige Nähprojekt würdest du einem Nähanfänger empfehlen?

Für die Blogger: mal nachfühlen, ob jetzt das neue Projekt genäht wird, weil es um Probenähen xy geht, aber der Schnitt oder Stoff eiiiigentlich gar nicht so recht zu mir passt?
Generell: lieber noch mal nachschauen, welche Stoffe im Regal liegen und was daraus werden könnte. Und dann doch nur den Kombistoff kaufen anstatt neue Schrankleichen – die werden mit den Jahren und Falten nämlich auch nicht besser. ;)

Als Anfangsprojekt sind ja gerade kleine Täschchen ganz perfekt, weil man sie aus einer Jeans oder dem abgelegten Hemd des Mannes nähen kann … da empfehle ich dann das Freebook „Grazile Täschchen“ von Klimperklein! 3 Größen und eine schöne einfache Art des Reißverschluss-Einnähens… da ist ein Erfolgserlebnis eigentlich vorprogrammiert, und die Taschen können wirklich für alles mögliche genutzt werden!

Liebe Andrea, das war ein wirklich aufschlussreiches Interview. Danke für deine offenen Worte, mit denen wir hoffentlich den einen oder anderen erreichen. Ein tolles, nachhaltiges Projekt zeigt Andrea auf ihrem Blog: Bienenwachstücher als Alternative zu Frischhaltefolie.

Ulrike

2 Kommentare

  1. Applaus, ein sehr interessantes Interview. Viele Dinge ausgesprochen, welche ich auch im Kopf habe. Dankeschön für diesen lesenswerten Beitrag.
    Liebe Grüße Birgit

    • Liebe Birgit, manche Dinge muss man einfach mal ansprechen, auch wenn man sich damit nicht immer Freunde macht. Stimmt’s? Ich freue mich über das tolle Feedback. Wenn du Vorschläge für weitere Themen hast, die ich für die neue Kategorie recherchieren soll, sag gern bescheid.
      Herzlichst, Ulrike

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