SuSeTalks mit Annika {Näh-Connection}

Wohin führt uns unser Nähwahn? Wieviel Shoppen ist okay? Und wohin mit den kaputten Kleidungsstücken? Diese Fragen beantwortet uns heute Annika von Näh-Connection in einer neuen Folge von SuSeTalks. Die Allgäuerin erzählt auch, was deutsche und englischssprachige Schnittmuster unterscheidet und wo man die schönsten Stoffe online bekommt.

Liebe Annika, ich freue mich, dir heute ein paar Fragen zum Thema „Nachhaltigkeit beim Nähen“ stellen zu dürfen. Aber bevor es richtig losgeht: Stell‘ dich doch kurz einmal selbst vor. Wer bist du, wie bist du zum Nähen gekommen und wo kann man mehr über dich erfahren.

Zuerst einmal ganz herzlichen Dank, liebe Ulrike, dass ich bei deiner kleinen Interviewreihe dabei sein darf. Ich bin Annika von Näh-Connection (naeh-connection.com, @naehconnection bei Instagram). Ich wohne mit meinem Mann und unseren drei Kindern (1, 6, 9 Jahre) in einem roten Schwedenhaus in einem kleinen Dorf im Allgäu. Wie viele andere auch bin ich über meine Kinder zum Nähen gekommen. Als meine Tochter ungefähr zwei war, stolperte ich über einige amerikanische Nähblogs. Eine der Bloggerinnen nahm zu dem Zeitpunkt an einem Onlinenähwettbewerb für Kindermode teil (http://www.projectrunplay.com/). Ich konnte kaum glauben, dass die Frauen all diese tolle Sachen selbst nähen konnten. Von da ab ging es ganz schnell: Ich fing mit dem Nähen und kurz darauf mit dem Bloggen an. Immer ein bisschen in der Hoffnung, dass ich irgendwann vielleicht selbst an diesem Wettbewerb teilnehmen könnte. Vor inzwischen drei Jahren war es dann auch wirklich soweit und ich konnte den Wettbewerb sogar gewinnen. Selten war ich so happy.

Du übersetzt Schnitte aus dem englischsprachigen Raum ins Deutsche – durchaus ein nachhaltiger Gedanke. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Wie schon gesagt, stolperte ich zuerst über englische Blogs. Über Jahre hinweg war mir ehrlich gesagt gar nicht wirklich bewusst, dass es auch eine riesige deutsche Nähszene gibt. Als ich diese dann entdeckte, war ich überrascht, wie wenige Leute sich trauen, mit den englischen Ebooks zu arbeiten. Daraus entstand dann die Idee, diese zu übersetzen und den deutschen Nähverrückten zugänglich zu machen. Da ich inzwischen schon viele Designer kannte, war das ein naheliegender Gedanke. Am schwierigsten war dabei übrigens vor allem am Anfang, dass ich zu vielen Sachen nur den englischen Begriff kannte.

Gibt es deiner Meinung nach Schnitte, die nachhaltiger sind als andere? Was könnten Kriterien für Nachhaltigkeit bei Schnittmustern sein?

Puh, das ist echt eine knackig schwere Antwort. Ich denke, dass Ebooks an sich erst einmal nachhaltiger sind als Papierschnitte. Schließlich lesen, denke ich, die meisten die Anleitung einfach vom Bildschirm ab, was schon mal Papier spart. Ein Knackpunkt ist jedoch auch – und da haben ehrlich gesagt die deutschen Schnittersteller meist die Nase vorn – eine genaue Angabe für die benötigte Stoffmenge und gerade bei A0-Plots für den Copyshop, die Schnittteile auf möglichst wenig Seiten zu verteilen. Was den Stoff angeht, sind die englischsprachigen Schnitte oft sehr großzügig und dann hat man einen halben Meter Stoff übrig und weiß nicht so recht, was man damit tun soll. Wenn meinem Team und mir sowas auffällt, bin ich inzwischen dazu übergegangen, in einer separaten Read Me Datei darauf hinzuweisen, dass weniger Stoff als angegeben reichen sollte.

Was ist dein liebster Schnitt in deiner privaten Sammlung und warum?

Ui, einer? Das ist ja praktisch unmöglich. Ich hab doch so viele Lieblingsschnitte. Und dann wechseln die natürlich auch je nach Jahreszeit. Aber einer meiner meist genähter Schnitt ist zum Beispiel das „Beachy Boatneck“, ein Shirt mit U-Bootausschnitt für Kinder. Davon nähe ich jedes Jahr mehrere.

Du weißt, wieviel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt. Inwiefern hat das Nähen deinen Konsum (von Kleidung) beeinflusst? Du nähst auch nicht nur für dich, sondern auch für deine drei Kinder. Alles selbst nähen zu wollen ist wohl utopisch. Hast du für dich und deine Familie eine Strategie entwickeln können, wie ihr Fast Fashion weitgehend meiden könnt?

Das Nähen hat meinen Konsum sehr stark beeinflusst. Ich war zwar selbst noch nie jemand, der ohne Ende Sachen geshoppt hat. Selbst jetzt sind noch Unishirts und ähnliches in meinem Kleiderschrank, die ich schon zur Schulzeit anhatte – und die ist leider auch bei mir nicht erst fünf Jahre her. Aber gerade bei den Kindern versuche ich möglichst keine Klamotten zu kaufen, bei denen ich davon ausgehen muss, dass sie zum einen beim zweiten Mal tragen kaputt sind und sie außerdem von achtjährigen Mädels in Bangladesch genäht wurden.
Für mich und meine große Tochter kaufe ich eigentlich nur noch Hosen, Socken und Funktionskleidung wie Skihosen, Regenjacken etc. Da wir sehr viel draußen, in den Bergen usw. sind, möchte ich dabei nicht auf das Wissen und die Erfahrung echter Outdoormarken verzichten. Die zwei Kleinen haben primär Second Hand Sachen von der Großen oder meinem Neffen, die dann durch Selbstgenähtes ergänzt werden. Der einzige aus unserer Familie bei dem wirklich ein Großteil der Klamotten gekauft ist, ist mein Mann. Allerdings kenne ich niemanden sonst, der mit so wenig Kleidung auskommt. Mehr als ein, maximal zweimal im Jahr kauft er eh nichts. Da kann von Fast Fashion also auch keine Rede sein.

Auch das Reparieren von Kleidung wird immer populärer. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen?

Ich glaube, dass gerade die Nähszene sich Gedanken macht, ja machen muss, wohin unsere Nähbegeisterung führt. Mir widersteht es ehrlich gesagt manchmal, wenn ich auf Instagram sehe, dass manche 3x die Woche völlig neu eingekleidet sind. Das sind oftmals Leute, die von mehreren Shops/Designern mit Stoffen versorgt werden und so nähen, nähen, nähen. Ich kann das ja verstehen. Die Designer brauchen Beispiele ihrer neuen Stoffe. Aber wenn in diesen Mengen neu genäht wird, frage ich mich manchmal, ob das nicht einfach eine andere Art von Fast Fashion ist. Niemand braucht diese Mengen an neuer Kleidung. Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich fast lieber für meine Kinder als für mich nähe, denn die BRAUCHEN wirklich andauernd was Neues. Aber um auf das Reparieren zurück zu kommen. Wahrscheinlich sind es eben viele, die Lust auf Kreativität, auf Nähen, auf Gestalten mit Textilien Lust haben, die aber auch finden, dass immer neu, neu, neu nicht der richtige Weg ist. Wer dann zum Beispiel auf den #visiblemending Hashtag (https://www.instagram.com/explore/tags/visiblemending/) bei Instagram stößt, sieht plötzlich all die Möglichkeiten, die sich uns durch kaputte Kleidung bieten. Ich freu mich neuerdings, wenn der Sohn ein – oder gern auch mal mehrere – Löcher in der Hose hat, denn das heißt, dass ich am Abend gemütlich vor der Glotze vor mich hin sticke. Und das Beste: danach hat mein Sohn mit ziemlicher Sicherheit eine Hose, die viel toller als zuvor ist!

Hast du Lieblingsstoffe, die du besonders gern verarbeitest und/oder trägst? Wo kaufst du deine Stoffe am liebsten?

Ich bin deutsch, sehr deutsch. 90% der Zeit liegen bei mir Jersey, Sweat & Co. unter der Nähmaschine bzw. besser gesagt der Overlock, da meine Familie und ich am liebsten bequeme, unkomplizierte Sachen tragen. Trotzdem – oder gerade deshalb? – ist es jedoch auch so, dass ich mich ganz besonders freue, wenn ich mal wieder etwas besonders aus Webware nähen kann. Voile oder eine schöne Viskose tragen sich ja einfach auch so gut. Demnächst kommt übrigens der erste Tencel hier an und ich befürchte, dass damit dann auch eine neue Stoffliebe losgeht. Dabei ist mein Stoffregal eh schon übervoll. Ich kaufe fast nur online ein. Der Stoffladen vor Ort ist ziemlich katastrophal, total altbacken. Aber natürlich toll für Not-Garnkäufe oder den einen oder anderen Unifutterstoff. Meine liebsten Onlineläden sind 1000stoff, eulenmeisterei, hello heidi und viele weitere. Alles eher kleine Läden, aber mit einer sehr feinen Auswahl. Was die nicht haben, finde ich meist bei Alles für Selbermacher und Stoff & Stil. Wobei all diese Läden von mir nicht leben könnten, da ich immer mehr versuche, Stoff nur gezielt für bestimmte Projekte zu kaufen – und vorher zu schauen, ob ich nicht bereits was Passendes habe.

Welche nachhaltigen Nähprojekte würdest du einem Nähanfänger empfehlen?

Ich persönlich bin ein Fan des guten alten Stoffbeutels. So schnell und selbst für Anfänger einfach zu nähen, so praktisch und so viele Möglichkeiten, ihn zu personalisieren! Ein schöner Stoff, eine witzige Applikation oder ein frecher Spruch, bestempeln oder plotten – die Möglichkeiten sind endlos! Da macht das Einkaufen gleich viel mehr Spaß und die Plastiktüte bleibt links liegen (Ein Tutorial für so einen Beutel gibt’s übrigens sogar bei mir auf dem Blog 😉😉)

Vielen Dank für deine Gedanken zum nachhaltigen Nähen, liebe Annika!

Wer jetzt Lust bekommen hat, seine Jeans einmal auf ganz andere, fast schon künstlerische Art und Weise zu reparieren, der sollte einmal auf Instagram unter dem Hashtag #greenDIYalong nachsehen. Dort zeigen Annika und weitere Blogger heute ihre geflickten Jeans und noch viel mehr zum Sustainable Sewing. Und in ihrem aktuellen Blogpost erklärt Annika wie sie das macht mit dem visible Mending.

Ulrike

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