SuSeTalks mit Kristina {Firlefanz}

Natürlich hat man als Schnittmusterdesigner Einfluss darauf, ob ein Schnittmuster nachhaltig ist oder nicht, sagt Kristina Nockemann vom Label Firlefanz. Wie sie angefangen hat mit dem Nähen, was alte Jeans damit zu tun haben und welche Schritte für mehr Nachhaltigkeit am Nähtisch sie empfiehlt, erzählt sie uns heute im SuSeTalks-Interview.

Hallo Kristina, danke dass du mit mir über „Sustainable Sewing – Nachhaltiges Nähen“ sprechen möchtest. Zunächst: Stell dich bitte kurz vor. Wie bist an der Nähmaschine gelandet und wo findet man mehr über dich?

Hallo, ich bin Kristina vom Label Firlefanz. Als ich vor viereinhalb Jahren nach der Geburt meiner Tochter in Elternezeit war, habe ich mit dem Nähen begonnen. Erste Erfahrungen mit dem Nähen hatte ich zwar schon in der Schulzeit gemacht, danach war aber erstmal länger Pause. In der Elternzeit hatte ich dann endlich Zeit, die Nähmahschine auszupacken, die schon länger bei mir herumstand. Angefangen habe ich mit ein paar Kissenbezügen, die ich aus alter Bettwäsche genäht habe. Da das Nähen viel leichter ging als gedacht, bekam ich Lust, auch Babykleidung auszuprobieren und so begann ganz schnell meine Nähleidenschaft. Anfänglich war tatsächlich alles Upcycling, da ich überhaupt keine Stoffe zu Hause hatte. Mittlerweile nähe ich nicht nur gern, sondern erstelle auch eigene Schnittmuster für Kinder und Damen. Mehr über mich erfährst du hier: www.firlefanz-schnittmuster.de

Du nähst wunderschöne Kleidung für dich und deine kleine Tochter. Wieviel Prozent eurer Kleiderschrankinhalte ist selbst genäht und inwieweit hat das Nähen deinen Konsum (von
Kleidung) beeinflusst?

Mein Konsum von Kleidung wurde tatsächlich extrem beeinflusst durch das Nähen. Meine Tochter besitzt seit längerer Zeit fast nur noch selbstgenähte Kleidung. Socken und Strumpfhosen kaufe ich. Und manchmal komme ich auch mit der Unterwäsche-Produktion nicht ganz nach und muss da mit ein paar Kaufexemplaren nachhelfen. Eine neue Matschhose habe ich ihr letztens ebenfalls gekauft, da ich keine Zeit zum Nähen gefunden habe. Ansonsten ist aber alles selbstgenäht – von der Winterjacke bis zum Badeanzug.
Für mich selber nähe ich nicht ganz so viel wie für meine Tochter, aber zum Glück wachse ich ja nicht mehr und so kommt das trotzdem ganz gut hin und ich habe immer genug zum Anziehen.
Diesen Winter habe ich mir tatsächlich gar nichts neues genäht oder gekauft, aber ich hatte noch genug Kleidungsstücke aus den letzten Jahren. Unterwäsche und Socken kaufe ich mir noch, und sehr selten mal eine Jeans, weil ich da bisher den Nähaufwand etwas gescheut habe. Aber nachdem ich meiner Tochter nun schon ein paar „echte“ Hosen genäht habe, will ich mir auch mal unbedingt welche nähen.
Insgesamt finde ich schon, dass man anfängt, Produkte mehr wertzuschätzen, wenn man z.B. durch das Nähen merkt, wie viel Zeit und Arbeit in einem Produkt steckt. Insgesamt kaufe ich auch lieber wenige gute (und möglichst haltbare) Produkte, als viele günstige. Trotzdem könnte ich mich beim Thema Konsum sicherlich noch verbessern und insgesamt noch weniger kaufen.

Du entwickelst mit viel Liebe zum Detail eigene Schnittmuster für Kinder. Was macht deiner Meinung nach ein gutes Schnittmuster aus? Was könnten mögliche Kriterien für Nachhaltigkeit bei Schnittmustern sein?

Also ich denke, das wichtigste Kriterium für ein Schnittmuster ist die gute Passform. Das ist zugleich ja auch ein Nachhaltigkeitskriterium, denn wenn man einen neuen Schnitt näht, sich nach der Maßtabelle richtet und dann trotzdem vorne und hinten alles nicht richtig passt, hat man im schlimmsten Fall ein Teil genäht, das nie getragen werden wird. Und das wäre ja alles andere als nachhaltig. Dann finde ich gerade für Kinderschnittmuster wichtig, dass sie nicht nur süß aussehen sollten, sondern auch bequem bequem und möglichst alltagstauglich sein sollten.
Nachhaltig finde ich es außerdem, wenn ein Schnittmuster eher zeitlos ist und wenn es für möglichst viele verschiedene Stoffarten geeignet ist und man somit auch Stoff aus dem Fundus nehmen kann und nicht erst ganz speziellen Stoff kaufen muss (das gilt natürlich nicht für Regenjacken oder Badeanzüge). Außerdem ist es praktisch, wenn ein Kinderschnitt viele Größen enthält und man ihn über einen langen Zeitraum nutzen kann. Ich versuche darüber hinaus auch immer, die Schnitte so zu konzipieren, dass jede Größe möglichst lange mitwächst.
Auch finde ich es wichtig, dass die Schnittbögen so wenig Papier wie möglich benötigen. Ich investiere jedes mal viel Zeit in die Anordnung der Schnittteile und freue mich wahnsinnig, wenn ich durch lange Puzzle-Arbeiten alles noch etwas platzsparender und praktischer anordnen kann.
Manchmal ist es gar nicht so einfach, einen guten Weg zu finden, die Gesamtseitenzahl zu reduzieren, aber gleichzeitig die Schnittteile so anzuordnen, dass man auch für die kleineren Größen oder für die Standardvarianten besonders wenige Seiten drucken muss.

Welches ist dein liebster Schnitt in deiner privaten Sammlung und warum?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, einen richtigen Lieblingsschnitt habe ich gar nicht. Ich mag einfach sehr gerne besondere Webware-Schnittmuster für Mädchen. Deswegen habe ich selber auch schon so einige Schnittmuster erstellt, die zu dieser Kategorie gehören und ich nähe auch gerne solche Schnitte anderer Schnittersteller. Der meistgenähte Schnitt ist aber wohl ein ganz simpler, nämlich die Himmlische Beinchen Luise von Himmelblau. Diese Leggings nähe ich nun seit Größe 80 für meine Tochter, mittlerweile sind wir bei 104 angekommen und jede Größe ist in mehrfacher Ausführung vorhanden. Der Schnitt sitzt gut und hat wenig Nähte – für uns die perfekte Leggings.

Was kommt bei dir zuerst? Ein neuer Stoff oder ein neuer Schnitt? Kaufst du Stoffe auf Vorrat, aus dem du spontan schöpfen kannst, oder kaufst du eher projektbezogen?

Eine Zeit lang habe ich definitiv zu viele Stoffe gekauft. Da habe ich einfach die Stoffe gakauft, die mir gefielen und darauf gehofft, dass das richtige Projekt dafür schon kommen wird.
Mittlerweile kaufe ich Stoffe fast nur noch für bestimmte Projekte. Dennoch passiert es manchmal, dass sie hier länger herumliegen, weil ich dann doch nicht dazu komme, dass Vorhaben umzusetzen. Aber ich versuche, meine Sammlung nach und nach zu verkleinern. Leider klappt das nicht immer so. Was mein Stoffkaufverhalten angeht, besteht also definitiv noch Luft nach oben für mehr Nachhaltigkeit.

Hast du Lieblingsstoffe, die du besonders gern verarbeitest und/oder trägst? Worauf legst du bei Stoffen besonderen Wert und wo beziehst du sie am liebsten?

Eigentlich mag ich sehr viele Stoffe gern, besonders mag ich allerdings Naturfasern. Polyester trag ich einfach überhaupt nicht gerne, daher kaufe ich Stoffe aus Polyester nur, wenn es quasi keine Alternativen gibt – wie bei Regenkleidung. Außerdem kaufe ich sehr gerne Bio-Stoffe. Aber manchmal kann ich auch anderen hübschen Stoffen nicht widerstehen, dass muss ich ganz ehrlich zugeben. Am liebsten beziehe ich sie bei kleineren Online-Händlern, die ich gut kenne, oder ich kaufe sie bei Läden vor Ort.

Mending und Upcycling liegen im Trend. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen?

Ich denke, dass – zumindest in bestimmten Kreisen – ein Umdenken stattfindet, weg von fast fashion hin zu slow fashion sozusagen. Auch an den Fridays for Future sieht man ja, dass viele junge Leute, Kinder und Jugendliche, sich Sorgen um das Klima und die Umwelt machen. Und da passen Mending und Upcycling als „klimaschonende“ nachhaltige Aufarbeitungsmethoden für alte Kleidung gut dazu.

Welches sind deine liebsten Upcyclingprojekte?

Am liebsten mag ich das Upcycling von Jeans. Jeansstoff vernähe ich eh gern und beim Upcycling von Jeansstoff gefällt es mir, dass die neuen Teile direkt im Used Look sind und der Used Look ganz auf natürliche Weise entstanden ist. Meine Familie weiß das auch, und so bekomme ich von meinen Verwandten immer mal kaputte, ausrangierte Jeans.

Was sind deine Tipps für noch mehr Nachhaltigkeit beim Nähen? Welches nachhaltige Nähprojekt würdest du einem Nähanfänger empfehlen?

Manche der Tipps für Nachhaltigkeit muss ich mir selber auch immer wieder vor Augen halten:

  • Nur nähen, was man wirklich braucht.
  • Nach Möglichkeit Stoffe vernähen, die man schon hat – oder Upcycling betreiben.
  • Reste möglichst gut verwerten.
  • Kleidung wenn möglich flicken.
  • Bio-Stoffe (am besten mit GOTS-Zertifikat) verwenden.
  • Mit selbstgenähten Dingen Einwegartikel ersetzen.
  • Für Kinder Mitwachs-Kleidungsstücke nähen.

Ich denke, sehr viele nachhaltige Nähprojekte sind anfängertauglich, ob Abschminkpads oder Putzlappen aus Stoffresten, ob Einkaufstaschen zur Vermeidung von Einwegbeuteln oder einfach andere genähte Kleinigkeiten aus Stoffresten. Diese Projekte sind allesamt ziemlich einfach umzusetzen.

Vielen Dank, liebe Kristina, für deine tollen Ideen zum nachhaltigen und Upcycling. Wer jetzt direkt konkrete Vorschläge für tolle Upcycling-Projekte sucht, wird garantiert bei Kristina im Blog fündig. Und das allertollste: Kristina hat eine neue Linkparty ins Leben gerufen, bei der wir ab sofort jeden Monat unsere Upcycling-Projekte verlinken können. Wie cool ist das denn?!

Ulrike

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich freue mich auf deinen Kommentar. Bitte beachte, dass beim Kommentieren Name, Email-Adresse und Text an mich übertragen werden. Die Details findest du in der Datenschutzerklärung.