SuSeTalks mit Miriam Reinhardt {vansquirrel}

Nachhaltigkeit hat viele Facetten und wird von jedem neu interpretiert. Um dahinter zu kommen, was andere unter Nachhaltigkeit beim Nähen verstehen, führe ich mit den SuSeTalks Interviews mit NäherInnen und MacherInnen aus der Branche. Heute erzählt uns Miriam Reinhardt – besser bekannt als @vansquirrel auf Instagram – wie nachhaltiges Nähen für sie aussieht. Wir sprechen über Fast Fashion und wie man es vermeidet. Und über geflickte Jeans.

Hallo Miriam, danke dass du mit mir über „Sustainable Sewing – Nachhaltiges Nähen“ sprechen möchtest. Zunächst: Stell dich bitte kurz vor. Wie bist an der Nähmaschine gelandet und wo findet man mehr über dich?

Hallo Ulrike! Ich danke dir! Ich bin Miriam, beruflich bin ich Tonmeisterin und Fotografin. Ich kam schon früh mit Handarbeit in Berührung, meine Oma hat immer genäht und gestrickt und ich als Kind liebend gerne gehäkelt. Ab der fünften Klasse hatte ich dann nähen als Wahlfach in der Schule, habe mir eine Nähmaschine gewünscht und nicht mehr damit aufgehört. Kleidung für mich nähe ich seit ca. 6 Jahren. Man findet meine Nähwerke auf Instagram @vansquirrel und meine Fotos @miriam.reinhardt. Ausserdem blogge ich, allerdings nicht übers Nähen,
auf www.cafeetinstantanes.com.

Als Hobby-Näherin weißt du um den wahren Wert von Kleidung. Wie viel deiner Kleidung nähst du selbst und inwiefern hat das Nähen deinen Konsum (von Kleidung) beeinflusst?

Mir ist in den letzten Jahren bewusst geworden, wie viel wir konsumieren, was wir gar nicht wirklich brauchen. Da wir ständig Zugang zu Neuem haben, benutzen wir die Dinge auch viel zu kurz. Das verschwendet Ressourcen und lässt die Müllberge wachsen. Das Nähen hat mir bewusst gemacht, wie viel Aufwand in einem Kleidungsstück steckt und dass es sich lohnt, in Qualität zu investieren. Ich möchte das Kleidungsstück, in das ich so viel Arbeit gesteckt habe, ja auch lange anziehen können. Seit ich selbst nähe und wir auch sonst viel selbst herstellen, konsumiere ich weniger und achte stärker auf Qualität und Langlebigkeit. Inzwischen nähe ich das meiste meiner Kleidung selbst.

Hat selbstgenähte Kleidung einen anderen Stellenwert für dich als gekaufte?

Ja, schon. Ich freue mich und bin auch ein bisschen stolz, wenn ich etwas anziehen kann, das ich selbst gemacht habe und das mir auch richtig gut passt. Ich bin ja recht groß und habe jetzt endlich Ärmel, die lang genug sind! Seit ich sie selbst nähe gehe ich auch insgesamt sorgfältiger mit meiner Kleidung um und passe besser auf sie auf.

Du hast auf Instagram eine geflickte Jeans gezeigt. Was motiviert dich dazu, deine (gekaufte) Kleidung zu flicken anstatt neue zu kaufen oder zu nähen?

Ich habe tatsächlich schon mit 13 meine Jeans geflickt, mit wechselndem Erfolg. Angefangen habe ich damit, weil es mein liebstes Jeansmodell nicht mehr gab und ich sie unbedingt weiter tragen wollte. Heute hat es auch den Grund, dass gerade Jeans in der Herstellung viele Ressourcen verbrauchen und ich sie deshalb möglichst selten austauschen will. Inzwischen kenne ich auch Methoden zum Jeans flicken, die richtig cool aussehen und sie zu etwas Besonderem machen. Das wollte ich mit meinem Foto zeigen. Es muss nicht nach geflickt aussehen, es kann ein richtiges kleines Kunstwerk sein. Das zeigt für mich auch die Wertschätzung gegenüber den Dingen, die wir haben.

Und wo wir schon bei Instagram sind: Sind Nachhaltigkeit und Social Media vereinbar? Durch die unsägliche Menge an Inspiration entsteht oft ein großer Druck, neue Stoffe zu vernähen, neue Schnitte auszuprobieren, neue Kleidung herzustellen. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Ich hatte vor ungefähr 4 Jahren eine Phase, in der mir meine Kleidung nicht mehr gefallen hat. Was da in meinem Schrank war, war einfach nicht mehr ich. In dieser Zeit habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was mir wirklich gefällt, mir wirklich steht und zu welchen Stücken im Schrank ich oft und gerne greife. Deshalb kann ich inzwischen sehr gut vorher abschätzen, ob ein Schnitt zu mir passt und ein Stoffdesign das Potential hat, ein Lieblingsstück zu werden. Es kommt natürlich noch vor, dass ich ein Stoffdesign toll finde, das ich überall sehe. Wenn ich dann aber überlege, ob es zu mir und dem Rest meines Kleiderschranks wirklich passt, ist die Antwort meistens nein und der Warenkorb bleibt leer. Etwas nur zu nähen, um etwas zu zeigen zu haben, passt für mich nicht zu meinem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit.

Was kommt bei dir zuerst? Ein neuer Stoff oder ein neuer Schnitt? Kaufst du Stoffe auf Vorrat, aus dem du spontan schöpfen kannst, oder kaufst du projektbezogen? Und wo findest du deine Stoffe?

Ich kaufe inzwischen eher projektbezogen. Was nicht bedeutet, dass ein Stoff immer zu dem Schnitt wird, den ich beim Kauf im Kopf habe, ich ändere das durchaus auch mal spontan.  Manchmal gönne ich mir auch einen Stoff, den ich einfach toll finde, ohne ein Projekt im Kopf zu haben. Einen großen Vorrat lege ich aber nicht an, da ist eine kleine Wohnung wirklich von Vorteil ;-) Obwohl ich in einer großen Stadt wohne ist die Auswahl vor Ort sehr begrenzt und ich
kaufe meist online. Ich gehe auch gerne auf den Stoffmarkt, da muss man meiner Meinung nach aber sehr genau hinschauen, damit man gute Qualität erwischt.

Dein Leben dreht sich nicht nur ums Nähen, sondern auch um Reisen, Kaffee und andere wichtige Dinge, die Zeit kosten. Was tust du, wenn du ein bestimmtes Kleidungsstück brauchst, aber nicht die Möglichkeit hast, es selbst herzustellen? (Wie) schaffst du es, Fast Fashion zu meiden?

Ich achte auf Fair Fashion und gute Qualität, die lange hält. Ehrlich gesagt kommt es aber sehr selten vor, dass ich unbedingt etwas brauche – ausser meine Schuhe gehen kaputt oder mir wird wie letztes Jahr mitten im November meine Winterjacke gestohlen. Und dann investiere ich lieber ein bisschen mehr und kaufe etwas, das ich viele Jahre tragen kann. Natürlich kommt es auch mal vor, dass ich unbedingt zum Beispiel ein bestimmtes paar Schuhe haben möchte, das ich vielleicht nicht wirklich brauchte. Und manchmal gönne ich mir das dann auch. Ich bin aber eher jemand, der über Anschaffungen länger nachdenkt und kein Spontankäufer. Viele Wünsche erledigen sich von selbst, wenn man sie eine Weile aussitzt.

Was sind deine Tipps für noch mehr Nachhaltigkeit beim Nähen und darüber hinaus? Welches nachhaltige Nähprojekt würdest du einem Nähanfänger empfehlen?

Wirklich nachhaltig ist am Ende nur weniger Konsum. Also auch, weniger zu nähen und das, was man näht, so lange wie möglich zu tragen. In erster Linie empfehle ich also, nicht einfach kopflos drauf los zu nähen. Ich versuche, meine Garderobe so aufzubauen, dass möglichst viel zusammen passt, und gönne mir dann ab und an ein Statement Piece, das für sich alleine stehen darf, wie zum Beispiel meine Karo-Elsenschwester. Jeans flicken ist zum Beispiel ein schönes konkretes Projekt. Oder auch, einen Einkaufsbeutel zu nähen, den man dann immer in der Handtasche hat, um keine Plastiktüten kaufen zu müssen. Wenn man Obst und Gemüse nicht einfach so aufs Band legen möchte, kann man auch dafür kleine, wiederverwendbare Säckchen nähen. Das ist auch ein anfängertaugliches Projekt. Möglichst auf Plastik verzichten, wo möglich auf unverpackte Lebensmittel zurückgreifen. Es gibt ja inzwischen verpackungsfreie Supermärkte, das ist so ein tolles Konzept, ich wünsche mir mehr davon! Ich habe immer eine kleine Wasserflasche aus Glas dabei und meinen Kaffeebecher. Die Menge an  Wegwerfkaffeebechern, die jeden Tag benutzt werden, ist beängstigend, und solche kleinen Dinge kann man sich sehr schnell angewöhnen, ohne sich einschränken zu müssen. Und natürlich festes Shampoo! Ein Rezept dazu gibts bei uns im Blog :-)

Danke, für das tolle Gespräch, Miriam.

Wenn ihr Miriam noch nicht kennt, dann klickt euch unbedingt rüber zu ihrem schönen Instagram-Account und zu ihrem Blog.

Ulrike

 

4 Kommentare

  1. Was für ein toller Auftakt!
    Und ich hatte auch immer eine Lieblingsjeans, die so lange von meiner Oma geflickt wurde, bis sie komplett auseinanderfiel. Oma war immer nicht ganz so begeistert, wenn ich mit solch einer Hose vor ihr stand, weil meistens waren die Stellen doch eher schwierig zu flicken ;)
    Liebe Grüße,
    Marina

    • Haha, und ich war früher immer sauer, wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war und meine Oma „heimlich“ meine mühsam zerrissenen Jeans geflickt hat. Flicken war in den neunzigern ja sowas von out… ;-)
      Liebste Grüße, Ulrike

  2. Ich finde die Idee des SuSeTalks so super und bin gleich mal vom ersten Interview sehr begeistert – Miriam spricht mir aus dem Herzen, wenn sie sagt, dass wirklich nachhaltiger nur weniger Konsum ist. Mich stört auf so manchen Nähblogs schon etwas, wenn immer wieder vom „must-have“ gesprochen wird oder davon, dass man von „XY“ nicht genug im Schrank haben kann. Es ist toll, wenn zunehmend nachhaltige Aspekte eine Rolle spielen, auch bei der Stoffwahl. Es gibt mittlerweile ja auch so klasse Bio-Stoff-Anbieter!
    Macht weiter so mit tollen Aktionen wie dem #greenDIYalong!
    Liebe Grüße, Silke

    • Oh ja, wenn man jede Woche oder sogar noch häufiger von neuen Lieblingsteilen liest, dann fragt man sich schon, wie wohl der Kleiderschrank aussieht… Da ist selbst das ausschließliche Vernähen von Biostoffen längst nicht mehr nachhaltig. Aber genau darüber sprechen wir in Kürze noch. Bleibt dran. Ich freue mich über jeden deiner Kommentare!
      Liebe Grüße, Ulrike

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