Ich steh‘ auf(m) Schlauch {Annex}

Okay, dass ich keine Taschen nähe, nehmt ihr mir seit dem letzten Post wahrscheinlich nicht mehr ab. Stimmt ja auch gar nicht. Ich glaube, rückblickend habe ich dieses Jahr mindestens genauso viele Taschen wie Kleidungsstücke genäht. Nicht jede davon ist auf dem Blog gelandet. Aber diese hier verdient eine große Extra-Portion Aufmerksamkeit. Denn: Sie hat mich fast wahnsinnig gemacht. Vor Frust und vor Stolz.

Enthält Spuren von Werbung | Das Schnittmuster wurde mir zum Designnähen kostenlos zur Verfügung gestellt. Alle Stoffe und Materialen sind selbst gekauft. Wie immer gilt: Mein Post, meine Meinung.

Dass ich in einem sehr fahrradaffinen Haushalt lebe, müsste sich inzwischen herumgesprochen haben. Unter unserem Dach gibt es tatsächlich mehr Zweiräder als Zweibeiner. Und jedes einzelne davon wird von Papa Moritzwerk, dem Herrn der Räder, gehegt und gepflegt. Er ist Münsterländer, wisst ihr bescheid. Wenn man ihm eine Freude machen möchte, dann sollte diese Freude idealerweise etwas mit Fahrrädern zu tun haben. Meine Geschenke für ihn sahen in den letzten Jahren ungefähr so auch: Fahrrad(gepäck)tasche, Shirt mit Fahrradstickerei, Shirt mit Fahrraddruck, Socken mit Fahrrädern, Rucksack mit Fahrradfutter, Fahrradwerkzeug… Ich glaube, ihr habt das Prinzip verstanden.

Als er im Sommer mit seiner münsterländer Fahrradgang zu einer mehrtägigen Tour aufbrach, wollte ich ihn mit etwas besonderem überraschen: Ein „Kulturbeutel“ aus einem alten Fahrradschlauch. Anmerkung am Rande: Wer kennt ein besseres Wort für Kosmetiktasche?! Wenn ich hier schreibe, ich hätte ihm eine „Kosmetiktasche“ genäht, repariert und putzt er nie wieder eines meiner Fahrräder. Und Kulturbeutel sagt doch heutzutage keiner mehr. Höchstens Oppas…

Mein liebstes „Kosmetiktäschchen“ ist ja eigentlich die Filigree (hier und hier) von Sew Sweetness mit ihrem genialen Doppelreißverschluss. Für den Herrn wäre mir das aber zu feminin gewesen. Etwas eckiges passt da einfach besser wie zum Beispiel… Annex. Auch mit Doppelreißverschluss und eigentlich sogar noch ein bisschen einfacher zu nähen als Filigree. Bisher hatte ich den Schnitt immer nur in der kleinsten Version als Stiftemäppchen genäht. Übrigens auch ein grandioses Geschenk für (Vor-)Schulkinder! Aber in der mittleren Größe ist er perfekt für das bisschen Kleinkram, das Mann so braucht, wenn Mann ein paar Tage unterwegs ist. Zahnbürste, Zahncreme, Rasierer, Seife und eine kleine Notfallapotheke passen locker rein.

Die Annex habe ich in den letzten Jahren wirklich hoch und runter genäht. An mindestens fünf Exemplare kann ich mich erinnern. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit drüber. Ich fühlte mich also auf sehr sicherem Terrain… doch ich hatte die Rechnung ohne den Schlauch gemacht, denn:

Ein Schlauch ist alles andere als glatt. Wenn man das Ding aufschneidet und glatt streicht, ist (und bleibt) es wellig und buckelig. Nicht gerade eine ideale Voraussetzung für eine gerade, eckige Tasche. Ein Schlauch ist außerdem eine ziemlich dreckige Angelegenheit. Auch wenn man das Talcum vorher gründlich auswäscht, hat man am Ende überall mysteriöse schwarze Striche. Dazu dieser widerliche Gummigeruch… aber da bin ich eh empfindlich. Und dann die Maße: Relativ lang, aber auch sehr, sehr schmal. Die Schnittmusterteile passen einfach nicht drauf. Patchworken steht auf der Tagesordnung bzw. stümperhaftes Aufeinandertackern. Spätestens ab diesem Punkt steht man dann auf dem Schlauch. Meine ersten drölfzig Versuche zwei Schlauchstücke aufeinander zu nähen sind kläglichst gescheitert. Der Fadensalat, den ich dabei produziert habe, glich eher einem opulenten Fünf-Gänge-Fadenmenu. Egal welche Nadel, welche Stärke, welches Garn. Nichts ging. (Ledernadeln hatte ich übrigens nicht zu hause, die hätten vielleicht gehen können.) Was hab ich geflucht?! Ich war drauf und dran, das Projekt für gescheitert zu erklären. Aber dann…

…habe ich, statt die Schlauchteile aufeinander zu nähen, eine Lage Baumwollwebware (verstärkt mit H250) drunter gelegt und schon ging das Ganze viel, viel besser. Immer noch nicht perfekt, aber immerhin (fast) kein Fadensalat mehr. Die Rückseite sieht dennoch gruselig aus, das sieht man aber dank des Futters (übrigens ein geliebter Rest von diesem Projekt) überhaupt nicht. Für alle, die ich an dieser Stelle noch nicht abgeschreckt habe, hier das chronologische Vorgehen:

  1. Schlauch aufschneiden, gründlich reinigen, trocknen und in einigermaßen ebene Stücke schneiden.
  2. ein großzügiges Stück Baumwollwebware mit Vlieseline H250 verstärken.
  3. Die Schlauchstücke auf den verstärkten Stoff jegen und (mit offenen Kanten) aufeinander nähen. Unbedingt einen Teflonfuß verwenden! Der Zickzackstich hat bei mir am besten funktioniert, wenn auch mit einigen Fehlstichen. Um diese zu minimieren, kann man noch eine Lage Seidenpapier oder ähnliches auf den Schlauch legen.
  4. Die Schnittmusterteile auf die so vorbereiteten Stoff-Schlauch-Stücke auflegen und zuschneiden.

Das eigentliche Nähen der Tasche geht anschließend relativ problemlos, weil der Schlauch dann zwischen zwei Lagen Webware liegt. Auf die in der Anleitung empfohlende Schaumstoffeinlage kann man übrigens verzichten. Die Materialkombination hat auch so schon genug „Stand“. Die letzten Nähte sind abschließend wieder ein bisschen tricky, weil ziemlich viele, dicke „Stoff“lagen aufeinander treffen. Meine nicht mehr ganz taufrische Brother hat es (nach einigen Anläufen) trotzdem geschafft.

Mein velophiler Mann war (und ist!) von seinem Kulturbeutel seiner Kosmetiktasche schwer begeistert. Ich am Ende auch und so langsam habe ich das Gefühl, dass ich jetzt – ein halbes Jahr danach – das Trauma der Entstehung überwunden habe. Doch, ich könnte mir gut vorstellen, mal wieder mit Fahrradschläuchen zu experimentieren. Eine Minimoneybag oder ein Samstag Wallet wären etwas für Herrn Moritzwerk… Mal schauen, ob ich in seiner Fahrradwerkstatt noch ein paar alte Schläuche finde. Über meine Erkenntnisse werde ich euch zu gegebener Zeit informieren.

Wer sich trotz meiner Tipps nicht an Fahrradschläuche wagt – was ich total verstehen würde – kann z.B. mit Kunstleder, Korkstoff, Denim (gern auch upgecycelt mit lässigen Gebrauchsspuren) oder Oilskin ebenfalls coole Männer-Annexes zaubern. Der Schnitt ist diese Woche Teil der Taschen-Aktion von Näh-Connection. Zehn bis 20 Prozent Rabatt gibt’s auf dieses und alle anderen Taschenschnittmuster, je nachdem wie viele ihr kauft. Je eine Annex für den Mann und die Kinder und viele Filigrees für die (Schwieger-)Mütter, Tanten und besten Freundinnen sind schon mal gebongt. Welche (selbstgenähten) Schätze verschenkt ihr an Weihnachten?

  • Ulrike

Schnittmuster
Annex Double Zip Pouch von Sew Sweetness auf Deutsch bei Näh-Connection

Stoff
Außenstoff aus upgecycelten Fahrradschläuchen
Innenstoff Baumwollwebware von Alexander Henry via 1000stoff

6 Kommentare

  1. Sehr cool, deine Schlauch-Annex. Und wir hier sagen dem Teil übrigens Necessaire 😉 – als Kind dachte ich ja, wenn ich im Deutschen über den Kulturbeutel stolperte, da sei bestimmt ein Dingens, dass man/frau z.B. in die Oper mitnimmt. Aber wofür ich da die Zahnbürste brauchte, erschloss sich mir damals nicht.
    Glg Kathrin

    • Wow… Necessaire ist so ein schönes Wort. Ich hab das Wort Kulturbeutel auch erst von meinem Mann gelernt. Bei uns hieß es früher „Waschtasche“, was aber auch eher profan klingt.
      Ich drück dich, Ulrike

  2. Ich wollte gerade Waschtasche vorschlagen ;) Badbeutel?! Ich verstehe dein Problem, der Vorschlag von Kathrin ist aber super!
    Genau wie deine Tasche! Das Kämpfen mit dem Material hat sich gelohnt und dein Mann kann jetzt stilvoll die Zähne putzen gehen :)
    Liebe Grüße,
    Marina

    • Da scheint eine Lücke zu sein im Duden… vielleicht müssen wir ein maskulines oder wenigstens neutrales Wort für Kosmetiktasche erst noch erfinden?! Das würde ich dann auch lieber benutzen, denn selbst in meiner Kosmetiktasche ist eigentlich (fast) keine Kosmetik drin…
      Drücker nach Augsburg, Ulrike

  3. so ein Toiletttascherl* muss bei uns auch unbedingt her. ob das dann allerdings der Gatte bekommt, will ich jetzt noch nicht versprechen…
    * bei uns in Österreich heißt ein Täschchen ja Tascherl, also wäre das dann ein Toiletttascherl ;-)

  4. COOL!
    Wie auch immer diese Taschen genannt werden, diese ist echt die coolste, die ich bislang gesehen habe!
    Ich muss mal in die Garge, da liegt bestimmt noch ein Schlauch rum :D
    Schönes Wochenende
    LG Marion

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