Nähen

Was lange währt… {Tosti Jacket}

Tosti Utility Jacket by Waffle Patterns made by Moritzwerk

Dreiundzwanzig Stunden und fünfunzwanzig Minuten verteilt über zehn Wochen. Das ist die Bilanz zu meiner Tosti Jacket. Klingt viel? Ist auch viel. Wenn ich das mit meinem Stundensatz als selbstständige Designerin hochrechne, ergibt sich ein Betrag im unteren vierstelligen Bereich. Holladiewaldfee! Dagegen sind die Materialkosten von rund einhundert Euro geradezu lachhaft. Warum es sich trotzdem sowas von gelohnt hat und ich es wieder tun würde, kannst du jetzt hier nachlesen. Stopp! Bevor es losgeht: Hol‘ dir einen Kaffee und mach’s dir gemütlich. Könnte etwas länger dauern. Zehn Wochen passen nun mal nicht in fünf Minuten…

{Tosti Utility Jacket}
von Waffle Patterns

Enthält Spuren von Werbung | Das Schnittmuster sowie alle Stoffe und Materialen sind komplett selbst gewählt und gekauft. Ich kennzeichne diesen Post dennoch als Werbung, weil ich bestimmte Produkte verlinke und empfehle. Wie immer gilt: Mein Post, meine Meinung.

Wenn man nicht in die gängigen Maße der Modeindustrie passt, hat man manchmal Probleme, richtig gut passende Kleidung zu finden. Mein „Problem“ seit über zwanzig Jahren: Affenarme (und Giraffenbeine, aber um die geht’s heute mal nicht). Egal, welches Oberteil ich im Laden anprobiere, die Ärmel sind mir garantiert zu kurz. Während Dreiviertelärmel bei Shirts ja noch ganz akzeptabel sind, sieht das Ganze bei Jacken einfach nur doof aus. Und fühlt sich auch doof an. Und immer überall Stulpen drüber zu ziehen, kann ja auch nicht die Lösung sein. Aber hey, ich kann ja nähen! Was sind da schon zehn Wochen Produktionszeit im Vergleich zu zwanzig Jahren mit zu kurzen Jackenärmeln?! Es war allerhöchste Eisenbahn für eine neue Jacke. Eine echte, richtige und passende Moritzwerk-Jacke.

Ein guter Grund, eine Jacke selbst zu nähen: Endlich sind die Ärmel lang genug.

Warum Tosti?

Tosti „lief“ mir immer mal wieder in den sozialen Medien über den Weg. Spätestens seit Elke ihren Tosti Sew Along durchgeführt hatte, war das Schnittmuster bei mir auf der To-Sew-Liste gespeichert. Das war immerhin vor über drei Jahren! Letzten Herbst hatte der Schnitt es endlich an die Pole Position geschafft. Ich mag den sehr professionellen Look der Jacke. Sie hat viele schöne Details, die man so auch bei einer Kaufjacke finden würde. Ich wollte ein Teil, das aussieht wie im Laden gekauft – ohne irgendwelchen Hobby-Näherinnen-Schnickschnack, der schon von weitem schreit: „Yo, guck’ma! Muddi hat mich selbstgenäht!“. Nein, es sollte so ein richtig klassisches Teil sein mit Belegen, wo Belege hingehören, vernüftigen Verschlüssen und funktionalen Taschen. So richtig schön normaaaal.

Tosti bringt das alles mit. Die verschiedenen Taschenarten machen den Schnitt variabel. Es gibt diverse Brusttaschen, sogar welche für den Oberarm und Patten für die Schultern. (Die letzten zwei Details habe ich großzügig weggelassen… man muss ja nicht immer gleich alles haben.) Ich mag vor allem die in den Beleg intergrierte Innentasche. Der Reißverschluss wird sehr professionell und sauber eingenäht inklusive Reißverschlussabdeckung. Die große Kapuze ist abknöpfbar und der ganze Schnitt ist wirklich richtig gut durchdacht. Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt: Die Anleitung gibt es nur auf Japanisch und Englisch, ist aber immerhin sehr ausführlich illustriert. Für fortgeschrittene Näherinnen mit grundlegenden Englischkenntnissen überhaupt kein Problem. Wer Japanisch kann, umso besser. Hüstel.

Und außerdem… habe ich eine Herausforderung gesucht. Und gefunden. So gern ich Jerseykleider und Sweatshirts nähe, sie bringen mich nähtechnisch nicht wesentlich weiter. Um etwas neues zu lernen, muss man einfach mal etwas ausprobieren, auch wenn es zwischenzeitlich kniffelig wird. Das gehört dazu. Wie sagte schon Pipi Langstrumpf: „Ich habe es noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“ Tosti ist anspruchsvoll. Ja. Aber wirklich kompliziert ist der Schnitt eigentlich nicht. Man muss nur die Ruhe bewahren und sich Schritt für Schritt vorarbeiten. Und schon ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass Tosti eben etwas länger bearbeitet werden möchte.

Schönes Schnittdetail mit der in den Reißverschlussbeleg integrierten Innentasche.

Das Material

Eine der ersten Fragen nach der Wahl des Schnittmusters ist die nach dem Material. Meine Jacke sollte aus möglichst nachhaltigen Naturmaterialien bestehen. Aus Gründen. Immerhin habe ich es beim Nähen selbst in der Hand, welche Qualitäten ich verarbeite und welche Auswirkungen auf die Umwelt meine Kleidungsstücke haben (werden).

Der Außenstoff stand relativ schnell fest. Ich hatte noch ungefähr neun Meter eines festen Bio-Baumwoll-Twills in Naturweiß im Regal liegen. Den hatte ich vor vielen Jahren mal im Sale bei Stoff&Stil für vier Euro pro Meter gekauft. (Der „Rest“ reicht wohl noch für drei bis vier weitere Jacken.) Mit zwei Packungen Simplicol „Elegantes Grau“ wurde aus Naturweiß schnell ein schönes Grau. Selberfärben hat ja immer ein bisschen was von Pokerspiel, weil man das Ergebnis nicht vorhersagen kann, aber die Farbe gefällt mir zum Glück sehr gut. Ganz kurz dachte ich auch an Knallgelb oder Rubinrot. Hab mich aber nicht getraut. Schisser, I know. Aber für Experimente war mir dieses Projekt zu heikel und außerdem muss so ein prominentes Kleidungsstück einfach auch wirklich gut in die Garderobe passen. Und Grau geht bei mir immer. IMMER. Ist ja auch ein schönes, kühles Grau. Vor allem in Kombination mit dem warmen Rostton des Futter. Wo wir schon beim nächsten Thema wären…

Was dann folgte, ist bei Instagram als „Flanell-Odyssee“ in die Geschichte eingegangen. Meine Tosti-Jacke sollte eine Übergangsjacke mit Flanell-Futter werden. Leicht, aber ein bisschen wärmend eben. Wochenlang habe ich nach dem perfekten Stoff gesucht und auch die Instagram-Community drauf angesetzt. Möglichst „bio“ sollte er sein und schön. Schöne Stoffe habe ich gefunden – keine Frage – aber die Materialzusammensetzungen jagten mir den einen oder anderen Schauer über den Rücken. Wenn ich mir schon so ein aufwändiges Projekt auf den Leib schneidere, dann achte ich kompromisslos darauf, hochwertigste Materialien zu vernähen, die die Zeit und Arbeit auch wirklich wert sind. Polyestermischungen scheiden da sofort aus. Warum, erkläre ich demnächst noch in einem gesonderten Post. Letztendlich habe ich mich für einen Flanell von Robert Kaufman entschieden – in Rostrot, gefunden bei Silke in der Tillabox. Nicht bio, aber einhundert Prozent Baumwolle und schön flauschig. Außerdem hat mich die Farbe sofort überzeugt.

Der Flanell passte perfekt zu dem Rest vom rostroten Tencel meines Midi-Rocks, den ich für das Ärmelfutter verwenden wollte. Der ist so schön glatt und flutscht im Ärmel bestimmt prima. Dachte ich. Er flutscht leider nicht ganz so gut wie erhofft und manche Stoffe bleiben regelrecht an dem Tencel hängen. Insgesamt flutscht er aber ganz sicher wesentlich besser als der Flanell. Beim nächsten Mal würde ich für den Ärmel wieder zu Cotton Lawn greifen wie bei meinem Blazer im letzten Jahr. Der flutscht tatsächlich überraschend gut. Hauptsache kein Polyester- oder Acetatfutter!

Mittlerweile war November, das Wetter entsprechend igittibäh und mein geliebter alter Winterparka (mit etwas zu kurzen Ärmeln) begann sich aufzulösen. Also wurde aus der Übergangs-Tosti-Jacke kurzerhand ein Winter-Tosti mit einem dünnen Volumenvlies aus Biobaumwolle. Einfach weil ich etwas warmes zum Anziehen brauchte. Achtung, das ist so im Schnittmuster NICHT vorgesehen. Tosti ist als Utility Jacket für leichte bis mittelschwere Außenstoffe und flutschige Futterstoffe designt. Ich habe es trotzdem gewagt und es funktioniert bis aus wenige Ausnahmen sehr gut. Mit ihren letztendlich drei Lagen, ist sie natürlich wesentlich schwerer als eine ähnlich warme Jacke aus Kunststoffen, aber das finale Gewicht der Jacke ist okay. Ich hab mal nachgewogen: Mein Tosti bringt 1.600 Gramm auf die Waage. Das ist schon ordentlich viel Gewicht, fühlt sich aber getragen sehr angenehm an. Die Wattierung, die ich verwendet habe, ist eines der dünnsten Bio-Baumwoll-Volumenvliese auf dem Markt. In Kombination mit dem sehr dichten Twill außen und dem samtigen Flanell innen ist mein Tosti warm genug für den milden niedersächsischen Winter und trotzt selbst Sturm problemlos.

Außerdem benötigt man jede Menge Druckknöpfe, Reißverschlüsse und Bügelvlies. Alles in allem hatte ich letztendlich gut einhundert Euro an Materialkosten auf meiner Rechnung stehen. Und das, obwohl der Außenstoff kaum etwas gekostet hat. Soviel zu Thema, Selbernähen sei billig.

Warm und kuschelig mit hohem Kragen und großer Kapuze: Tosti Utility Jacket von Waffle Patterns.

Geduld!

Das Schnittmuster besteht aus wirklich vielen Teilen, die sich auf vier A0-Druckbögen verteilen und nimmt entsprechend viel Zeit in Anspruch. Und auch das Anpassen der Einzelteile an die eigenen Maße braucht etwas Geduld.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Vor dem Zuschnitt sollte man sich dringend mit den eigenen Maßen und denen des Schnittmusters auseinandersetzen. Schließlich soll das gute Stück am Ende auch gut sitzen. Die Anleitung bietet natürlich eine Tabelle mit Körpermaßen und den Maßen des fertigen Kleidungsstück. Wer mit seinen Abmessungen gut in die Tabelle passt, hat Glück. Alle anderen müssen ein wenig anpassen. Aber keine Sorge, Tosti sitzt ja nicht hauteng, sondern ist ein eher gerade geschnittene Jacke und lässt einiges an Spielraum.

Ich messe zusätzlich gern auch auf dem Schnittmuster bestimmte Maße zur Kontrolle ab. Besonders wichtig sind bei mir die Schulterweite und die Öffnung der Armkugel, damit es am Ende nicht zwickt unterm Arm. Und natürlich die Länge sowohl am Ärmel als auch am Saum. Die Ärmel habe ich großzügig um sieben Zentimeter verlängert, den Saum um fünf Zentimeter. Dabei muss man etwas aufpassen, an welchen Stellen genau man verlängert, um nicht aus Versehen eine Taschenposition ungewollt zu verschieben.

Jeder Körper ist anders und wenn du nicht gerade wie ich einachtzig groß bist ohne nennenswerte Rundungen, dann musst du den Schnitt möglicherweise an anderen Stellen anpassen. Zur Schnittanpassung gibt es mittlerweise gute Tutorials online, aber auch Bücher und Workshops. Trau dich und schneidere dir deine Kleidung auf deinen Körper.

Weisheiten eines Nähnerds

Wer seine Tosti-Jacke ebenfalls mit einem Volumenvlies füttern möchte, sollte die Größe unbedingt anhand einer ähnlich dick gefütterten, gut sitzenden Jacke ermitteln. Ich orientiere mich da immer am Schultermaß und vergleiche es mit dem Brustumfang, weil das meine „breitesten“ Stellen sind. Nach unten hin wird bei mir alles schmaler. Der Größenvergleich mit meinem Lieblingsparka ergab eine 44. Zum Vergleich: Sonst nähe ich zwischen 36 und 40. Übrigens funktioniert der rückwärtige Schlitz bei einem dicken Futter NICHT gut. Es geht aber auch ohne und das spart sogar mächtig Zeit.

Da steppt der Bär.

Dafür dauert es umso länger, das Volumenvlies auf den Futterstoff zu steppen. Wer Tosti ohne Wattierung näht, kann mit mindestens drei Stunden Zeitersparnis rechnen. Der nächste zeitraubende Part ist das Aufbügeln der Einlagen. Ich habe H250 verwendet und fand es zunächst sehr steif, beim Tragen der Jacke stört es aber überhaupt nicht und sorgt dafür, dass die bebügelten Jackenteile schön formstabil bleiben. Bei einem weicheren Oberstoff oder einer ungefütterten Jacke würde ich aber eher H180 empfehlen. Das ist übrigens die einzige Stelle, an der ich Polyester eingesetzt habe. Leider habe ich keine sinnvolle nachhaltige Alternative zu kunststoffhaltiger Bügeleinlage gefunden. Darauf zu verzichten, war aber auch keine Option, weil es die Lebensdauer der Jacke massiv beeinträchtigt hätte.

Der rückwärtige Schlitz musste weichen. Ohne sieht es trotzdem toll aus.

Jetzt aber!

Dann geht es endlich ans Nähen. Wie erwartet fügt sich einfach alles an den richtigen Stellen perfekt zusammen. Der komplizierteste Part ist der rückwärtige Schlitz, den ich im weiteren Verlauf des Nähens wieder auftrennen und komplett verschließen musste, weil er wegen des Volumenvlieses doof aufsperrte und der Futterstoff nicht sauber vernäht werden konnte. Alles andere näht sich sehr schön und problemlos. Sogar die Ärmel lassen sich richtig schön faltenfrei einsetzen. Die Nähte werden an vielen Stellen mittels zweier Ziernähte von außen abgesteppt, das sieht nicht nur lässig aus, sondern stabilisiert die Naht noch zusätzlich. Ich habe dafür dickeres Jeansgarn von Gütermann verwendet, weil es optisch etwas mehr hermacht als der dünne Allesnäher und auch stabiler ist. Mein Pro-Tipp: Benutzt beim Absteppen mit dickem Garn unbedingt eine sogenannte Topstich-Nadel. Ich bin immer noch sehr gegeistert davon, wie akurat meine Maschine mit der richtigen Nadel nähen kann. Das ständige Wechseln von Nadel und Garn ist zwar etwas lästig, aber es lohnt sich.

Taschen-Hack an der Eingrifftasche.

Es muss auch mal was schief gehen

So harmonisch das alles nun klingt, drei Problemen bin ich auf meiner Tosti-Reise doch begegnet. Erstens: Zwölf Zentimeter sind echt wenig. Für die Eingrifftaschen „D“, die ich gewählt habe, sind Reißverschlüsse mit zwölf Zentimetern Länge vorgesehen. Hey, ich habe wirklich schmale Hände, aber durch die Öffnung dieser Reißverschlüsse passen sie nur mit Müh‘ und Not durch. Um das Smartphone sicher zu verstauen, sind die Taschen okay, aber meine Hände kriege ich da nicht vernünftig rein und raus gefummelt. Weil ich aber so wahnsinnig gerne meine Hände in irgendwelchen Taschen vergrabe, habe ich die Tasche „D“ einfach mit dem Futterflanell gedoppelt und mit einer Öffnung aufgenäht. So habe ich quasi zwei Taschen in einer. Wenn ihr diese Taschenvariante nähen möchtet, empfehle ich euch dringend längere Reißverschlüsse!

Das zweite Problem betraf die Druckknöpfe, die ich gekauft hatte. Ich war sehr glücklich darüber, Druckknöpfe gefunden zu haben, die genau zu dem matten Altmessing des Reißverschlusses passten. An dieser Stelle sei der Einschub gestattet: Wählt bei so einem Projekt unbedingt qualitativ hochwertige Reißverschlüsse! Nichts ist ärgerlicher, als ein ausgerissener Reißverschluss an so einer aufwändigen Jacke. Ich habe mich also für einen Metallreißverschluss von YKK entschieden und war sehr happy, dass ich von YKK Druckknöpfe im gleichen Farbton gefunden habe. Dummerweise habe ich versucht, die Druckknöpfe von YKK mit der Variozange von Prym anzubringen. Das. Geht. Nicht. Eigentlich sehen die Druckknöpfe und die mitgelieferten Zangenaufsätze fast genauso aus wie die von Prym. Und trotzdem: DAS. GEHT. NICHT. Der Nachschub von Prym war zum Glück schnell bestellt und die extra großen Design-Druckknöpfe machen ja auch ganz gut was her.

Innenliegender Tunnelzug mit Öse im Beleg.

Problem drei ist der Wattierung und der damit verbundenen großen Größe geschuldet. Dass der Schlitz und die Wattierung nicht zusammenpassen, habe ich ja schon erwähnt. Und dass ich aufgrund meiner Schultermaße die Größe 44 genäht habe auch. Nun habe ich „untenrum“ aber eher Größe 36/38 und habe die Größe im Taillen- und Hüftbereich nicht entsprechend angepasst. Kurzum: Bei der ersten Anprobe mit lose eingestecktem Futter wurde klar, dass Tosti in Größe 44 mit bauschigem Volumenvlies an mir insgesamt ziemlich… tonnig… wirkte. Der Jacke fehlte etwas „Figur“. Daher habe ich kurzerhand meinen alten Parka zum Vorbild genommen und einen innenliegenden Tunnelzug an die Außenjacke genäht. Die Kordel wird innen gebunden, rafft den Oberstoff etwas zusammen und bringt die ganze Jacke ein bisschen auf Figur. I love it.

Wetterfest

Bevor ich schließlich Außenjacke und Futterjacke zusammengenäht habe, hat der Oberstoff noch eine besondere Behandlung gekommen. Ich habe ihn von oben bis unten gründlich mit Wachs eingerieben und das ganze in die Baumwolle eingeschmolzen. Das geht sowohl mit dem Bügeleisen als auch mit dem Fön. Im Prinzip entsteht dadurch eine Art Oilskin, der zwar absolut nicht wasserDICHT ist, aber zumindest dafür sorgt, dass sich die Jacke nicht beim kleinsten Nieselregen direkt vollsaugt wie ein Schwam. Entsprechendes Wachs gibt es z.B. von Merchant & Mills. Ich habe das Greenland Wax von Fjällräven verwendet, weil ich es im örtlichen Outdoorladen kaufen konnte und nicht erst noch irgendwo bestellen musste. Noch hat die Jacke keinen größeren Schauer erlebt, aber den Nieselregen von gestern hat sie locker weggesteckt. Das Gute an dem Wachs ist, dass man es jederzeit erneuern kann. Einfach bei Bedarf und insbesondere an den exponierten Stellen (wie Schultern oder Kapuze) aufrubbeln, fönen, fertig.

Das Wachs wird bei mir noch öfter zum Einsatz kommen, z.B. um Taschen wetterfest zu machen. Wer es auch einsetzen möchte, probiert es bitte erst einmal auf einem Stoffrest aus!

Fazit

Ich liebe diese Jacke! Sie ist schön warm, trägt sich sehr angenehm und wiegt trotz der verwendeten Naturmaterialien kaum mehr als mein alter Parka mit Polyesterwattierung. Einzig die große Ärmelöffnung stört mich etwas. Eventuell bekommt Tosti nachträglich noch ein verstecktes Bündchen, damit der kalte Wind beim Radfahren nicht in den Ärmel zieht. Dafür fehlt mir bisher aber noch ein Bündchen in der passenden Farbe.

Ja, ich bin wahnsinnig stolz darauf. Nicht nur, weil ich jetzt endlich eine Winterjacke mit langen Ärmeln mein Eigen nenne, sondern vor allem, weil ich so ein großes Projekt durchgezogen habe. Klar gab es zwischenzeitlich Durststrecken. Und nach fast vier Wochen Weihnachtspause fiel es mir wirklich schwer, im Januar wieder mit Tosti durchzustarten. Aber Summa Sumarum war das Nähen dieser Jacke eine große Bereicherung. Ich habe viel Neues gelernt (Topstichnadeln, Wachs) und prägende Erfahrungen gemacht (YKK und Prym). Ich habe sehr vorsichtig, sehr bewusst und sehr akurat gearbeitet und meine Tosti Utility Jacket ist ein echtes Slow Fashion Piece geworden. Ich bin mir sicher, dass ich eines Tages eine zweite nähen werde. Mir schwebt eine Jacke im Dufflecoat-Stil vor aus Wollstoff und ganz bestimmt OHNE Wattierung. Ich bin mir fast sicher, dass ich für diese Jacke dann keine dreiundzwanzig Stunden und fünfundzwanzig Minuten brauchen werde. Realsitisch betrachtet, lässt sich das Projekt bestimmt auch in zehn Stunden wuppen, was immer noch viel ist, sich aber absolut lohnt.

Ich hoffe, ich konnte DIR ein wenig Mut machen, dein eigenes Großprojekt umzusetzen. Sei es Tosti oder etwas ganz anderes. Trau dich! Dreiundzwanzig Stunden und fünfundzwanzig Minuten sind schneller vorbei, als du denkst.
Viel Spaß beim Nähen,

Ulrike


Um meine Projekte für dich noch etwas versändlicher einordnen zu können, habe ich mir ein kleines Bewertungssystem ausgedacht:

Schnittmusterliebe ★ ★ ★ ★ ☆
Schwierigkeitsgrad ★ ★ ★ ★ ★
Projektkosten ★ ★ ★ ★ ☆
OberstoffBio-Baumwoll-Twill von Stoff&Stil (schon sehr lang her) – Selbst gefärbt mit Simplicol Intensivfarbe „Elegantes Grau“, abschließend bearbeitet mit Greenlandwax von Fjällräven für Wetterfestigkeit
FutterstoffBaumwoll-Flanell von Robert Kaufmann, gekauft bei Tillabox; Ärmelfutter aus Rewoven Tencel von Lebenskleidung
BügeleinlageH250
WattierungBio-Baumwoll-Vlies kbA 150g/m² gekauft bei Meterwerk
ReißverschlüsseYKK
DruckknöpfePrym

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24 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Andrejana sagt:

    Einfach wunderbar! Solche Blog-Posts liebe ich! Sie sind sooo viel Wert, das kann man nicht oft genug sagen! Vielen Dank für diesen ausführlichen Post, denn ich werde diese Jacke vermutlich auch bald nähen und hab mir mächtig viele Notizen jetzt dazu gemacht :-) Außerdem finde ich Deine humorvolle Schreibweise so toll, ein richtig herausragender Blog!

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Adrejana, für solche Kommentare schreibe ich meine Blogposts! :-) Ich hoffe immer sehr, dass ich euch mit meiner Arbeit einen Mehrwert bieten kann, und freue mich riesig über ein solches Lob. Danke dir und ganz viel Freude mit deinem Tosti!
      Ulrike

      1. metterlink sagt:

        Eine wundervolle Jacke liebe Ulrike! Und ja, solche Großprojekte fordern einen, man lernt dazu und ist am Ende unsagbar stolz.
        Meine genähte Winterjacke ist schon ein paar Jahre her und ich freue mich, wenn ich mal wieder so eine Jacke nähen darf!
        Liebe Grüße,
        Marina

  2. Silvia sagt:

    Liebe Ulrike
    Dein Tosti-Post liest sich sehr leicht, weil spannend und unterhaltsam! :-) Die Jacke sieht toll aus an dir und erinnert mich an mein Grossprojekt, das ich aus verschiedenen Gründen zugunsten kleinerer, schnellerer Projekte immer wieder aufschiebe…

    1. Ulrike sagt:

      Liebe Silvia, das kenne ich auch! Manchmal muss man den inneren Schweinehund überwinden. Komm, nimm doch einfach eine Portion Motivation mit für dein Großprojekt! ;-)
      Viel Spaß beim Nähen, Ulrike

    2. Sophia sagt:

      Wow, richtig tolles Projekt – an eine richtige Jacke hab ich mich bis jetzt noch nicht wirklich getraut – ich bräuchte wohl noch viiiel länger dafür … Aber wenn man deine fertige Jacke ansieht, hat sich das auch wirklich gelohnt!

  3. Liebe Ulrike,
    vielen lieben Dank dir für deinen sehr kurzweiligen Blogpost. Du hast in meine allabendliche Stillzeit etwas Abwechslung rein gebracht. Auch wenn ich diese Jacke vielleicht in der nächsten Zeit nicht nähen werde, so plane ich doch ein paar aufwändigere Projekte und freue mich schon auf die Herausforderung.

    Liebe Grüße
    Lilli von limitt-creativ ?

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Lilli, ich hab beim Stillen auch immer durch Blogs geschmökert. :-) Ich wünsche dir viel Vergnügen bei deinen anstehenden Projekten!
      Herzlichst, Ulrike

  4. Kirsten sagt:

    Liebe Ulrike, ein Kaffee hat zum Lesen nicht gereicht , bei einem Gläschen Wein auf dem Sofa heute Abend genieße ich deinen Post. Hut ab, deine Ausführungen machen wahrlich Mut, und ich frage mich gerade, wann man merkt, dass man für so ein Projekt bereit ist, um es auch wirklich bis zum Ende durch zuziehen, egal wie es sich entwickelt. LG Kirsten

    1. Ulrike sagt:

      Ich glaube, wenn du anfängst, darüber nachzudenken, ob du dafür bereit bist, bist du bereit dafür. ;-)
      Vielleicht mache ich im Herbst einen Tosti-Sew-Along – also falls du Motivation brauchst…
      Viele liebe Grüße, Ulrike

    1. Ulrike sagt:

      Es gibt auch anfängergeeignetere Jackenschnitte. So von Affenarm zu Affenarm kann ich dir nur raten, es zu versuchen. Es gibt nichts schöneres als passende Klamotten. ;-)
      Herzallerliebst, Ulrike

  5. Andrea sagt:

    Wow – ein toller Post und eine tolle Jacke! Vielen lieben Dank für Deine Ausführlichkeit, so etwas finde ich enorm wertvoll… (Ich hätte auch ykk und prym zusammen probiert und mich dann geärgert…) – Materialkosten von etwas über 100,- € hatte ich zuletzt bei meiner Jacke aus Merino-Wollwalk – aber ich liebe sie und hätte im Laden wahrscheinlich immer noch mehr dafür bezahlt als die 100,- €…

    Ich freu mich schon auf Deinen nächsten Post zu so einem tollen Nähwerk! :-)
    Liebe Grüße,
    Andrea

  6. Ribiselkuchen sagt:

    Danke, dass du dir nicht nur die Zeit genommen hast, diese Jacke zu nähen, sondern auch diesen Beitrag dazu zu verfassen.

    Er war gar nicht zu lang, ich freue mich über einen so detailreichen Bericht, um mir die Angst vor aufwändigeren Projekten zu nehmen. (und ich rede mal nur von Webware-Blusen)

    Liebe Grüße
    Carmen

  7. Conni sagt:

    Sehr schöne Jacke. Danke für den ausführlichen Bericht. Ich überlege auch, mir einen Mantel zu nähen und denke jetzt wäre eine gute Zeit anzufangen, um zum nächsten Winter fertig zu sein…

  8. Silhouette sagt:

    Liebe Ulrike,
    die Jacke steht dir wirklich sehr gut und ich finde sie super schön! Vielleicht traue ich mich auch bald mal an das Projekt ran :-) Ich werde auf jeden Fall ab sofort öfter hier vorbeischauen und sende ganz viele liebe Grüße!

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Ich hab's verstanden.