Nähen Upcycling

Es könnte gut werden {Jazz}

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew - Upcycling / Refashioning

Meine Dirndl-Upcycling-Trilogie neigt sich dem Ende entgegen. Heute zeige ich euch, was aus dem letzten Dirndl geworden ist. Es war ein echtes „Ampel-Projekt“, denn als das Dirndl hier eintraf, sah ich erst einmal nur ROT. Dabei war es gelb. Und sehr scheußlich. Warum dann aber doch alles im grünen Bereich war, versuche ich hier mal zu erläutern. Los geht’s…

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew aus einem alten Dirndl upgecycelt.

Enthält Spuren von Werbung | Das Dirndl wurde mir von Cobranda kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Schnittmuster und alle Kurzwaren usw. habe ich selbst gekauft. Wie immer gilt: Mein Post, meine Meinung.

Das Dirndl des Grauens

Im Frühling schrieb mich Sabine vom Petersilien-Blog an, ob ich Lust auf eine Upcycling-Tour mit alten Dirndln und Trachtenkleidern von Cobranda hätte. Hatte ich. Und wenige Tage später hingen drei alpenländische Kleidungsstücke hier in meinem niedersächsischen Atelier rum. Die ersten zwei Projekte habe ich euch schon gezeigt. Aus dem blauen Blümchentraum wurde eine Coco-Jacke und das schwarze Problemdirndl darf mich nun als Rock durch den Sommer begleiten. Und dann war da noch das dritte – das Dirndl des Grauens. Pardon, falls ich mit diesen Worten jemandem auf den Schlips treten sollte, aber beim Anblick dieses knallgelben Ungetüms wusste ich wirklich erst einmal nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. An diesem Kleid war einfach alles eine Spur zu extrem: Die fetten Holzknöpfe mit Osterglockenrelief, die riesigen Puffärmel, die schreiende Farbe, der mit dicken Biesen verzierte, eckige Ausschnitt… Immerhin: Das Material war ein Traum, mit dem ich arbeiten konnte. Irgendwie.

Das Vintage-Dirndl „Vorher“

Bei der Farbe war zum Glück schnell klar: Die lässt sich ändern. Musste auch, denn am ganzen Rock tummelten sich ominöse, dunkle Flecken. Gelb ist zum Glück eine gute Grundlage zum Färben. Bei der Farbwahl ist es übrigens ratsam, in einer ähnlichen Farbfamilie zu bleiben, um unvorhersehbare Mischfarben zu vermeiden. Ich habe mich für Olivgrün entschieden. Grün ist ja bekanntlich eine Mischung aus Gelb und Blau. Der Olivton wird durch die gelbe Grundfarbe aber leicht ins Gelbliche gezogen und der Farbton wirkt am Ende etwas leuchtender, als er es wäre, wenn auf weiß gefärbt worden wäre. Zum Glück war er dunkel genug, um alle Flecken zu schlucken, sodass ich das komplette Kleid nutzen konnte und nicht um die Flecken herum schneiden musste.

Der Jumpsuit Jazz

Als Schnittmuster hatte ich sehr schnell einen Jumpsuit im Hinterkopf – gefühlt tragen gerade ALLE Jumpsuits. Ich wollte es auch endlich mal probieren. Obwohl ich mir wirklich unsicher war, ob so ein Jumpsuit etwas für mich wäre. Aber manchmal muss man einfach mal machen. Es könnte ja gut werden. Spoiler Alert: Wurde es!

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew aus einem alten Dirndl upgecycelt.

Der Jumpsuit Jazz von Ready to Sew hatte es mir seit seinem Release angetan und wartete schon seit über einem Jahr fertig gedruckt auf Umsetzung. Das Leinen bot sich nun regelrecht dafür an. Um die Menge des zur Verfügung stehenden Materials maximal ausnutzen zu können, habe ich (fast) alle Nähte mit dem Nahttrenner geöffnet. Solche Trachtenkleider haben nämlich oft sehr üppige Nahtzugaben, aus denen man gut und gerne noch zwei bis drei Zentimeter Stoff herausholen kann. Dabei sind viele, viele Stunden drauf gegangen und ich war tagelang mit gelben Fadenresten übersät. Aber es hat sich gelohnt. Als alles flach vor mir lag, begann ich zu puzzeln.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew „blanko“.

Jazz bietet unglaublich viele Optionen und Variationen. Über achtzig erschiedene Kleidungsstücke lassen sich mit dem Ebook realisieren. Neben Jumpsuits mit verschiedenen Beinformen auch Kleider und Blusen und Latzhosen. Bei dieser riesigen Auswahl fällt die Entscheidung erst einmal schwer. Ich wollte ursprünglich den Jumpsuit mit den schmaleren, aber längeren Beinen nähen. Leider hat dafür der Stoff nicht gereicht. Aber die Hose im Culotte-Stil konnte ich fast komplett ohne Verschnitt auf das Rockteil platzieren. Für obenrum blieb aus Stoffspargründen nur die ärmellose Variante übrig, die aber sowieso meine erste Wahl gewesen wäre. Zum Glück waren Vorder- und Rückseite des Stoffs identisch, sodass ich beim Zuschnitt etwas tricksen konnte. Und auch den Fadenlauf habe ich das eine oder andere mal um 90 Grad gedreht – kann man machen, wenn für Schuss und Kette die gleichen Garne verwendet wurden und der Stoff in einfacher Leinwandbindung gewebt ist. Die voluminösen Puffärmel gaben genug Fläche her, um daraus das komplette Rückenteil schneiden zu können. Okay, ich musste das Rückenteil ein wenig stückeln, aber ich finde, die geschwungene Naht fügt sich ganz gut ein. Und aus der Corsage schnitt ich am Ende noch den Gürtel zu, sodass tatsächlich fast keine Reste übrig blieben. Apropos Reste: Die wenigen Belege habe ich aus Resten des Futterstoffs von diesem Projekt genäht. Der schöne Cotton Lawn von C. Pauli passt einfach grandios zu dem grünen Leinen – auch wenn man ihn von außen gar nicht sieht.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew – gestückeltes Rückenteil mit improvisiertem V-Ausschnitt.

Meine Änderungen

Da das Vorderteil nirgens im Bruch Platz gefunden hat, musste ich es gegengleich zugeschneiden und habe die Nahtzugaben mittels zweier Steppnähte rechts und links der Mittelnaht in Schach gehalten. Außerdem habe ich die Brustabnäher angepasst und das Oberteil reichlich verlängert, weil ich das grundsätzlich immer mache und weil das Schnittmuster für eine Körpergröße von 165 cm ausgelegt ist. Um wieviel genau ich es verlängert habe, kann ich gar nicht mehr so genau rekapitulieren, weil ich einfach den zur Verfügung stehenden Stoff ausgereizt habe, aber es werden so um die acht Zentimeter gewesen sein. Im Nachhinein betrachtet, hätte es etwas weniger sein können, aber ich bin trotzdem ganz dankbar für das Mehr an Bewegungsfreiheit im Schritt.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew – geteiltes Vorderteil und gestückelter Gürtel.

Das Nähen ging recht flott von den Hand, die erste Anprobe brachte dann allerdings erst einmal Ernüchterung. Irgendwie saß das Ding gar nicht. Das Oberteil war viiiiel weiter, als ich es mir vorgestellt hatte – vor allem in Verbindung mit dem eher kräftigen Stoff. Aus einem ganz leichten Leinen oder einem Tencel hätte der Jumpsuit mit dieser Mehrweite sicherlich ganz anders und luftig-schön gewirkt. Aber in meinem upgecycelten Dirndl fühle ich mich, als hätte ich einen grünen Kartoffelsack an. Also schwang ich notgedrungen den Nahttrenner weitere zwei Stunden, nahm das Oberteil komplett auseinander und setzte es neu zusammen. Im Taillenbereich hat der Jumpsuit auf diese Weise mindestens sechs Zentimeter an Umfang verloren und unterm Arm habe ich mir auch etwas mehr Platz geschaffen. Die Anpassungen habe ich am lebenden Objekt vorgenommen und es ist mehr als ein Mal passiert, dass ich einen Postboten begrüßt habe, während mein Oberteil nur von einigen Steckadeln zusammengehalten wurde… Leider weiß ich daher jetzt nicht mehr genau, wo ich wieviel weggenommen habe. Beim nächsten Jazz werde ich daher das Maßband zücken müssen.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew aus einem alten Dirndl upgecycelt.

Der Ausschnitt am Rücken ist übrigens improvisiert. Eigentlich hat Jazz einen hoch geschlossenen Rückenausschnitt. Aber nachdem ich die Taille verschmälert hatte, musste ich den Reißverschluss tiefer setzen, um das Teil noch über den Pobbes ziehen zu können. Der einzige nahtverdeckte Reißverschluss in meiner übersichtlichen Reißverschlusssammlung war aber nicht lang genug. Also habe ich den Ausschnitt angepasst, um den Reißverschluss bis unterhalb der Raffung einsetzen zu können. Es sind zwar nur zwei Zentimeter, aber es reicht. Gerade so. Ich hab ja zum Glück nur ein schmales Hinterteil und komme mit Ach und Krach in den Jumpsuit rein und wieder raus.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew aus einem alten Dirndl upgecycelt.

Apropos „rein und raus“: An dieser Stelle sei der Einwurf gestattet, dass das Tragen eines Jumpsuits mit rückwärtigem Reißverschluss nicht unbedingt an Tagen mit erhöhtem Pippiaufkommen zu empfehlen ist. Ich bin ja eigentlich recht gelenkig, aber dieser Reißverschluss am Rücken ist eine… Herausforderung. Für dem Alltag werde ich mir definitiv noch einen Jazz mit Frontverschluss nähen. Dann entfällt hoffentlich die Toilettenakrobatik.

Fazit

Jazz ist ein wahnsinnig cooles und unglaublich vielseitiges Schnittmuster – eigentlich eine ganze Schnittmustersammlung – das ich noch viele, viele Male nähen werde. Eine feine Bluse aus leichtem, weißen Leinen schwebt mir noch vor – mit Bischofsärmeln und vielleicht sogar mit Wickeloptik. Und ein eleganter Jumpsuit mit langen, schmalen Beinen aus schwarzem Tencel. Und ein luftiges Kleid mit überschnittenen Ärmeln… Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Und sie können den geneigten Nähnerd auch schnell mal überfordern. Immerhin habe ich ein ganzes Jahr gebraucht, um mich für eine der überachtzig Optionen zu entscheiden. Und wenn nicht gerade die begrenzte Stoffmenge ein Machtwort gesprochen hätte, wer weiß, wann ich endlich mal zu einer Entscheidung gekommen wäre.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew lässig mit Turnschuhen und Jeansjacke.

Jazz ist nicht schwierig zu nähen. Aber – auch wenn es keinen Spaß macht – ein Nesselteil zu nähen, bevor man den „guten“ Stoff anschneidet, ist bei so einem Jumpsuit wirklich empfehlenswert. Die Designerin weist in ihrer Anleitung auch mehrere Male darauf hin… Ich habe es gekonnt ignoriert und meine Ignoranz mit vielen Stunden am Nahttrenner bezahlt. Die Anleitung an sich ist gut strukturiert, aber auf Grund der Menge an Optionen manchmal etwas verwirrend. Über achtzig eigentlich grundverschiedene Schnittmuster ordentlich zu sortieren, ist schon eine Mammutaufgabe. Aber wenn man erst einmal das Prinzip verstanden hat, ist es eigentlich ganz logisch. Ein Wehrmutstropfen bleibt: Die Anleitung gibt es nur in Englisch und Französisch.

Den Look des Jumpsuits an mir finde ich überraschend gut. Und vielseitig. Er macht sich „chic“ gestylt genauso gut wie mit Chucks (übrigens die nachhaltigen von Ethletics) und Jeansjacke. Wenn es ganz lässig sein darf, kann ich sogar den Gürtel weglassen und dann ist er einfach nur saubequem. Wenn man nicht gerade dringend ein stilles Örtchen aufsuchen muss. Oder man nimmt zum Pippimachen immer eine Freundin mit, die sich um den Reißverschluss kümmern kann. Ich bin glücklich mit dem neuen Statementpiece in meinem Kleiderschrank und hoffe, dass ich ihn in meinen Jeans-und-T-Shirt-Alltag integrieren kann. Er hätte es verdient.

Jumpsuit Jazz von Ready to Sew aus einem alten Dirndl upgecycelt und #dieanderetasche von _meinanderesich.

Das Projekt mit den Vintage-Dirndl hat mir wieder einmal gezeigt, was für großartige Sachen man aus alten Kleidungsstücken noch herausholen kann. Mit dem Upcycling alter Herrenhemden habe ich vor Jahren meine „Nähkarriere“ begonnen und dann diese wertvollen Ressourcen im Stoffshoppingrausch fast vergessen. Dabei lagern in unseren Schränken, auf Dachböden und in Kellern sicher noch unzählige Stoffschätzchen, die entdeckt und upgecycelt werden wollen. Ja, beim Upcycling ist nicht immer alles möglich und die alten Stoffe setzen uns die eine oder andere Grenze. Aber es ist für unsere Umwelt so viel besser, gebrauchte Stücke aufzuarbeiten, umzuändern und ihnen ein neues Leben einzuhauchen, als immer mehr und neue Stoffe zu shoppen, die nach viel zu kurzer Zeit schon wieder im Altkleiderkontainer landen. Wir müssen unserer (alten) Kleidung wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen. Es lohnt sich doppelt und dreifach. Macht mit und näht einfach mal etwas Neues aus etwas Altem.

Ulrike

SchnittmusterJumpsuit Jazz von Ready to Sew; Änderungen: Oberteil stark verschmälert und verlängert, Rückenausschnitt geändert, Ärmelausschnitt angepasst
Stoffaltes Trachtenkleid zur Verfügung gestellt von Cobranda aus 100% dickem Leinen, gefärbt mit Simplicol Textilfarbe „Oliv-Grün“, Innenfutter Cotton-Lawn aus Bio-Baumwolle von C. Pauli, z.B. hier erhältlich [Verlinkung ohne Auftrag]
Schnittmusterliebe ★ ★ ★ ★ ★
Schwierigkeitsgrad ★ ★ ★ ★ ☆
Projektkosten ★ ★ ☆ ☆ ☆

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Kirsten sagt:

    Wahnsinn, ein tolles Projekt und nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieser Jumpsuit aus einem Dirndl geboren wurde. Ich bewundere deine Vorstellungskraft, die Ausdauer und die Motivation den Nahttrenner zur Hand zu nehmen. Aber ich bin jetzt nach dem Lesen irgendwie auch sehr inspiriert mal nach verwertbaren Sachen bei uns in dem Schränken zu suchen.
    LG Kirsten

  2. Thea sagt:

    Die Dirndl-Projekte sind alle sehr schön und überraschend dirndlfern geworden, wobei mir die Jacke am besten gefällt. Aus Mangel an Geld und Selbstvertrauen nähe ich fast ausschließlich mit Stoffen, die schon mal Kleidung waren, zur Zeit eine Leinenhose aus einem alten Wickelrock. Gerade für Experimente, kleinere Heimtextilien und als Futterstoffe sind alte Hemden einfach perfekt!

    1. Ulrike sagt:

      Das mit dem Mangel an Geld und Selbstvertrauen kenne ich auch aus der Anfangszeit meiner „Nähkarriere“. Zumindest zweiteres ändert sich mit zunehmendem Können.
      Alte Hemden mag ich auch sehr, sehr gern.
      Viel Spaß beim Upcycling, Ulrike

  3. Selmin sagt:

    Meeeega, liebe Ulrike! Als ich die Fotos auf Instagram sah, dachte ich so „nie im Leben hat der Stoff des Kleides für diesen Jumpsuit gereicht!“. Umso spannender war’s zu lesen, wie du ihn zusammengezaubert hast. Dass die Farbe auch so gut rüberkommt! Hammer! Ich bin gerade tierisch begeistert! Er sieht großartig an dir aus! Liebste Grüße, Selmin 💙💙💙💙

    1. Ulrike sagt:

      Zwei Wochen später komme ich endlich dazu, auf deinen lieben Kommentar zu antworten, Selmin. Ja, ich hab es bis zum Schluss selbst nicht geglaubt, dass der Stoff reichen würde… Umso erfreuter bin ich, dass es doch irgendwie geklappt hat. Leinen eignet sich übrigens ganz wunderbar zum Färben in der Waschmaschine. Macht irgendwie süchtig. ;-)
      Liebste Grüße, Ulrike

  4. Nria sagt:

    Schön! Die geschwungene Passe mag ich besonders :)
    Ich muss ja gestehen, dass ich das gelbe Dirndl mit anderen Knöpfen ohne Weiteres getragen hätte, ich mag Knallfarben und den Ausschnitt :D aber wenn es fleckig war, war das Umfärben ja sowieso kaum umgänglich.

    1. Ulrike sagt:

      So ein gelbes Knallerkleid hat ganz bestimmt auch seine Berechtigung… nur eben nicht bei mir. Pssst… ich hab es kurz übergezogen und meine Familie lag am Boden vor Lachen. Die Flecken machten ein Umfärben unumgänglich. Oder ich hätte drum herum schneiden müssen. Dann wäre aber vermutlich nicht mehr viel Stoff übrig geblieben. So wie es jetzt ist, finde ich es für mich perfekt.
      Liebe Grüße, Ulrike

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