Nähen Upcycling

Herzklopfen mit {Jacke Coco}

Jacke Coco von Schnittchen Patterns aus blauem Leinen mit Stickerei - Upcycling aus einem Dirndl

„Du hast nur einen Versuch,“ wispert es von irgendwo weit hinten in der linken Hemisphäre meines Hirn, während die rechte drängt: „Nun fang schon an, ich will sehen, wie es wird!“ Und während die Hand die Schere führt, klopft mir das Herz bis zum Hals. Nur ein Versuch. Selten war ein Projekt so aufregend wie dieses.

Dieser Post enthält Spuren von Werbung | Das ursprüngliche Kleidungsstück – ein ausgemustertes Vintage-Dirndl von Cobranda wurde mir kostenlos zur Verfügung gestellt. Wie immer gilt: Mein Post, meine Meinung.

Und dabei ist es nur ein kleines Jäckchen, das ich genäht habe. Eine Jacke Coco von Schnittchen Patterns, die ich mir nähen wollte, seitdem ich sie anno dazumal als Geburtstagsgeschenk für meine Mama genäht hatte. Wenn ich den Post von damals lese (übrigens einer der ersten Nähposts auf meinem Blog), kommen mir fast die Tränen. Vor lachen. Warum zum Kuckuck dachte ich bloß, dass an diesem Schnitt irgendetwas kompliziert sei?! Schon süß, wenn man auf seine eigenen Nähanfänge zurückblickt… Nun habe ich auch eine Coco, Mama. Aber eine ganz besondere. Denn meine Coco war in ihrem früheren Leben – haltet euch fest – ein Dirndl!

Dass ich hier im mitteldeutschen Niemandsland mal ein Dirndl auf dem Nähtisch haben würde, wäre mir in meinen kühnsten Nähnerdträumen nicht eingefallen. Aber da lag es. Und es war so schön. Das Projekt wurde iniziiert von Sabine vom Petersilienblog, die durch Zufall mit Ramon von Cobranda ins Gespräch kam. Cobranda ist vermutlich den im süddeutschen Raum ansässigen Nähnerds unter euch ein Begriff. Mir war das Unternehmen gänzlich fremd. Dirndl flattern bei mir höchtens mal Sonntag abends über die Mattscheibe, wenn ich nach dem Tatort aus Versehen über einen Heimatfilm zappe. Dabei sind die Trachtenkleider tatsächlich erstaunliche Kleidungsstücke. Bei Cobranda gibt es tausende davon und alle hatten ein Vorleben. Das Unternehmen sammelt gebrauchte Dirndl in aller Welt zusammen, haucht ihnen neues Leben ein und verkauft die Vintage-Kleider für kleines Geld über seinen Ebay-Shop und in seinem riiiiiesigen Laden in München. Es gibt aber manchmal auch Exemplare, die nicht auf wirtschaftliche Weise gerettet werden können. Wegschmeißen wäre zu schade.

Und da kommen wir ins Spiel. Sabine hat eine kleine Gruppe an Bloggerinnen und Instgrammerinnen um sich geschart, um zu testen, was man aus diesen „Tonnendirndl“ noch tolles rausholen kann. Jede von uns bekam einige Kleider und völlig freie Hand. Ich muss gestehen, ich war zunächst völlig überfordert von den Kleidern. Muster sind ja wirklich nicht mein Steckenpferd und mit Blümchen kann man mich ja eigentlich jagen. Aber…

… ich habe die Herausforderung angenommen und dieses Dirndl in meine Welt transferiert – klassisch, lässig mit einem kleinen Augenzwinkern. Mit den richtigen Accessoires und einem modernen Styling ist von einstigen Dirndl kaum noch etwas zu spüren. Viel mehr ist die Dirndl-Coco ein vielseitiges Jäckchen geworden, genau richtig zum schnell Drüberwerfen an lauen Sommerabenden. Zu Jeans und Leinentop wirkt es fast schon boho-mäßig folkloristisch und erinnert mich entfernt an mexikanische Trachtenjacken. Mit Shirt und Shorts drunter zu Sandalen und Sonnebrille würde es an jeder Strandpromenade eine gute Figur machen. Und über einem hübschen Kleid wäre frau auf jeder Hochzeit als Gast perfekt angezogen. Da wir dieses Jahr weder Urlaub im Süden machen noch auf eine Hochzeit eingeladen sind, führe ich meine Coco einfach nur zum Altglaskontainer und in den Supermarkt aus. Unser großer Auftritt kommt noch ganz gewiss.

Bis zur fertigen Jacke war es allerdings ein langer Weg und der Nahttrenner mein treuester Begleiter. Denn man man ein neues Kleidungsstück aus einem alten upcyceln möchte, muss man das alte Teil erst einmal auseinander nehmen. Um Stoff zu sparen habe ich entschieden, die Teile nicht auseinander zu schneiden, sondern sorgfältig zu trennen. Selbst die Paspel habe ich aufwändig herausgetrennt. Keine Ahnung, wie viele Abende ich damit beschäftigt war. Aber es waren viele. Gelohnt hat es sich trotzdem, denn Dirndl verfügen meist über üppige Nahtzugaben und schon hat man ein paar Zentimeter gewonnen. Das Schnittmuster auf den Rockteil zu puzzeln, so dass die Muster sich einigermaßen sinnvoll miteinander verbinden, hatte was von Tetris Level drölfzigtausend. Kaum hatte ich eine Lösung gefunden, machte mir eins der Röschen einen Strich durch die Rechnung. Es war zum Mäusemelken! Am Ende habe ich auf den Fadenlauf gepfiffen und die Oberärmel quer zum Fadenlauf zugeschnitten. Kann man machen, wenn Schuss und Kette in simpelster Leinwandbindung gewebt sind. Nun zieht sich die oberste Röschenreihe bis zum Ärmelansatz hinauf. Die Paspel reichte leider nicht ganz, um die Jacke einmal komplett ringsrum abzusetzen, also habe ich statt dessen die Naht zwischen Ober- und Unterärmel und die tulpenförmige Ärmelmanschette damit betont. Ich finde, das macht das ganze noch eine Spur sportlicher. Diese Manschette habe ich mir übrigens freestyle aus den klitzekleinen Stoffteilchen des Corsagenoberteils zusammengebastelt. Die ist nicht im Schnitt enthalten! Nicht dass sich einer beschwert…

Auch das hübsche Futter des Dirndl-Oberteils habe ich fast komplett verwurstet. Das hatte es mir mit seinen grafischen rosa Blümchen ja sofort angetan und ich wollte es unbedingt in der Jacke verarbeiten. Leider blieben dank der hübschen Prinzessnähte der Corsage kaum brauchbare Stoffstücke übrig. Letztendlich habe ich all die kleinen Futterstücke zu einem langen Schrägband zusammengesetzt und die Jacke damit rundherum von links eingefasst. Normalerweise wird die Jacke komplett gefüttert… darauf habe ich allerdings verzichtet. Das kräftige Leinen funktioniert einlagig sowieso viel besser. Am Ende blieb auch für die Ansatznaht der Manschetten noch ein Stück Schrägband übrig, sodass ich die Manschetten nun meisten hochgeklappt trage, damit man das hübsche Schrägband sieht. Einmal Nähnerd, immer Nähnerd.

Damit hatte ich dann wirklich das ganze Dirndl neu vernäht. Das ganze Dirndl? NEIN! Einen kleinen Rest der Röschenborte konnte ich mir noch sichern. Was ich damit gemacht habe, habt ihr sicher schon gesichtet. Ich hatte es euch ja bereits angedroht, dass sich die Double Zip Pouch hier noch das eine oder andere Mal auf die Fotos schleichen würde… So ein hübscher Blümchenstoffrest bietet sich aber auch absolut an für diesen Schnitt. Und ein kleines Handtäschchen wollte ich doch schon immer mal haben. Wer weiß, wann ich mal auf eine Hochzeit eingeladen werde – da kann ich schließlich nicht mit meinem Rucksack auftauchen.

Mein Fazit zu diesem Projekt: Upcycling dauert. Und dauert. Und dauert… Das Auseinandernehmen des urprünglichen Kleidungsstücks nimmt schon verdammt viel Zeit in Anspruch. Dann auch noch das unsägliche Schnittmustertetris, das man unweigerlich spielen muss, wenn man versucht, den Wunschschnitt auf das zur verbleibende Stoffstück zu puzzeln. Schon allein die Entscheidung für einen Schnitt ist durch unendlich viele Faktoren eingeschränkt. Die Schnittauswahl orientiert sich in erster Linie an der Menge und der Art des zur Verfügung stehenden Materials. Aus einem kurzen Dirndl-Rock in Größe 34 kann man eben keine lange Hose zaubern. Und mit festem, bestickten Leinen macht ein Schnitt für eine Flatterbluse keinen Sinn. Aber ein kurzes Jäckchen wie Coco, eine Shorts, eine Weste, einen Rock oder Taschen kann man locker noch daraus zaubern. Und am Ende ist es ein Kleidungsstück weniger, das auf dem Müll landet, und ein Kleidungsstück mehr, das mit Freude und Wertschätzung getragen werden kann. Upcycling ist daher eine der nachhaltigsten Methoden zum Nähen, weil keine Ressourcen verschwendet werden.

Gebrauchte Kleidungsstücke upzucyceln oder alte Stoffe zu verwenden schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel. Es lohnt sich! Einzig auf den Nervenkitzel könnte ich gut verzichten. Schließlich ist das Ausgangsmaterial extrem begrenzt, man muss nehmen, was man kriegt, und kann nicht mal eben noch einen halben Meter nachordern, wenn man sich irgendwo verschnitten hat. Aber auch mit diesem Nervenkitzel lernt man umzugehen. Man muss ja nicht gleich mit den guten Vintage-Dirndln anfangen. Das alte Herrenhemd vom Gatten oder die Blümchenbettwäsche von Mutti leisten am Anfang ebenfalls gute Dienste. Als nächstes zeige ich euch die Ergebnisse der anderen zwei Dirndl, die ich bekommen habe. Und ich kann euch jetzt schon versprechen: Es wird wieder etwas ganz anderes. Habt ihr schon einmal etwas upgecycelt? Was war es? Und was sind eure Tipps zum Upcycling?

  • Ulrike
Schnittmuster JackeJacke Coco von Schnittchen Pattern, genäht in Größe 42 ( hab breite Schultern!) mit zusätzlicher Tulpenmanschette als Hack am Ärmel und ohne Futter
Schnittmuster TascheDouble Zip Pouch von LBG Studio auf Deutsch bei Näh-Connection
StoffEin nicht-verkäufliches Vintage-Dirndl von Cobranda (freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt) aus festem Leinen mit Stickborte
Schnittmusterliebe ★ ★ ★ ☆ ☆
Schwierigkeitsgrad ★ ★ ☆ ☆ ☆
Projektkosten ★ ☆ ☆ ☆ ☆

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Petra sagt:

    Die Idee und das Resultat sind klasse! Ganz toll – gefällt mir megagut.
    Ich kann den Nervenkitzel durchaus nachvollziehen. Ich habe aus dem Brautkleid unserer Schwiegertochter das Taufkleid für unser Enkelmädchen genäht. Das ist unter Schweißausbrüchen und mit zittrigen Händen entstanden. ♥

    1. Ulrike sagt:

      Wow! Wenn man ein Stück vernäht, an dem auch noch Emotionen dran hängen, ist das Projekt ganz besonders krass… dafür war es dann aber auch ein sehr, sehr besonderes und einzigartiges Taufkleid.
      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße,
      Ulrike

    1. Ulrike sagt:

      Yippiejuhuuuu! Ein Kommentar von Annika! ;-)
      Tatsächlich werden die Kommentare hier ja immer weniger, obgleich die Aufrufzahlen etwas ganz anderes sagen.
      Liebe Grüße und bis bald mal wieder, Ulrike

  2. Moni sagt:

    Oh mein Gott! Ist diese Jacke (und auch das Täschchen dazu) wunderwunderschön! Als Dirndl wirkt es lange nicht so gut, wie als Jäckchen an Dir. Ich liebe die vielen Details und bewundere Deine Arbeit und Geduld, die Du da reingesteckt hast. Ein Wahnsinns-Upcycling-Projekt, das sich aber defitiv gelohnt hat. Ganz ganz toll!!!

  3. Jutta sagt:

    Wow, das ist unglaublich toll geworden. Letztens hab ich aus einem Kleid, das ich für mich genäht hatte und in dem ich mich trotz abändern nie wirklich wohl gefühlt habe, ein anderes Kleid genäht. Zum Glück hatte ich als Backup noch einen rest unterschnittenes Stoff über. Trotzdem war es knapp, Kompromisse mussten eingegangen werden, Schnittteile gepuzzelt…. Tetris trifft es gut. Aber wenn es klappt, ist es ungeheuer befriedigend 😊 und mein neues Kleid liebe ich …. deine Blogbeiträge übrigens auch. Sie sind nie oberflächlich und ich habe mir schon viele Anregungen geholt. Ich freue mich auf die nächsten Dirndl 😉 liebe Grüße aus Hessen, Jutta

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