Nähen Upcycling

Neues Leben für alte Jeans {Kleiner Draufgänger}

„Ich will auch so eine Jacke haben wie du!“, sprach das große Kind, als ich im Frühling meine rosa Atenas Jean Jacket nähte. „Aber in cool, bitte. Nicht in rooosa.“ Das letzte Wort müsst ihr euch mit einem präpubertären Augenrollen und verschränkten Armen mit nachfolgendem Grinsen und Hundeblick vorstellen. Wer kann da schon widerstehen? Wie der Zufall es so wollte, brachte Svenja von Lotte&Ludwig genau zum passenden Zeitpunkt einen eigenen Jeansjacken-Schnitt für die ganze Familie heraus: Den Draufgänger. Und dann schoss mir gleich noch ein Geistesblitz durch die Synapsen, wie diese Jeansjacke zu einem besonders coolen Unikat werden könnte. Stichwort: Upcycling.

Jeansjacke „Kleiner Draufgänger“ von Lotte&Ludwig – Upcycling aus einer alten Jeans.

Enthält Spuren von Werbung | Das Schnittmuster für die Jeansjacke habe ich selbst gekauft und die zum Upcycling verwendete Jeanshose hat Herr Moritzwerk Jahre zuvor mit Hingabe eingetragen. Lediglich der Stoff des Kleidchens, das hier zu sehen ist, war ein Geschenk zu einem Bloggerevent. Alle anderen verlinkten Produkte sind selbst gekauft und mit Überzeugung empfohlen.

Ich gestehe: Ich hebe sie alle auf. Jeans, Hosen, Kleider, Jacken, Pullis, … Alles. Auf dem Dachboden hatte ich eine mehrere Kisten voller alter Kleidung von meinem Mann und mir, die teilweise schon über zehn Jahre auf irgendeine Art von Upcycling warteten. Und auch meine Eltern bringen mir manchmal ein paar „Schätze“ vorbei. Bei Leinenröcken und Herrenhemden kann ich leider auch nicht nein sagen. Und so stapelten sich die Upcyclingkandidaten auf dem Dachboden und verursachten bei mir ein schlechtes Gewissen. Warum kaufe ich eigentlich Stoff, wenn ich doch kistenweise davon auf Lager hab?!

Pattentaschen können ja so easy sein.

Kleidung als Wegwerfware?

Ganz ehrlich? Wir verbrauchen alle viel zu viel Kleidung. Im Falle von Jeanshosen sind es z.B. mehr als Einhundertmillionen, die wir Deutschen jedes Jahr kaufen. Fast genauso viele davon werden allerdings auch wieder aussortiert. Durchschnittlich drei Jahre beträgt die Lebensdauer einer Jeans laut Statistik, bevor sie in den allermeisten Fällen im Alterkleiderkontainer entsorgt wird. Doch auch die Textilverwerter stehen vor einem Problem: Die Menge der entsorgten Textilien ist viel zu groß und die Qualität in den meisten Fällen so schlecht, dass sich eine weitere Verarbeitung nicht lohnt. Die Folge sind wachsende Müllberge. Weltweit.

„Kleiner Draufgänger“ von Lotte&Ludwig

Was also tun mit all den „alten“ Kleidungsstücken?

  1. Das wichtigste zuerst: Kaufe (und nähe) nur, was du wirklich brauchst und wähle hochwertige Materialien, möglichst reine Naturfasern ohne Kunstfaseranteil (denn nur diese können im Zweifelsfall irgendwann kompostiert werden). Investiere lieber in zeitlose und nachhaltige Materialien und Schnitte, als in kurzlebige Modeerscheinungen.
  2. Trage deine Kleidung so lange wie möglich. (Dabei ist Punkt 1 sehr hilfreich.)
  3. Repariere kaputte Stellen, wenn möglich.
  4. Gib gut erhaltene Kleidung, die dir nicht mehr passt oder gefällt, weiter. Vieles lässt sich noch gut verkaufen, tauschen oder spenden.
  5. Mach etwas neues daraus.

Ja, Upcycling kommt in der Liste wirklich erst ganz zum Schluss. Jedes Kleidungsstück hat Ressourcen verbraucht und darum einen sehr hohen Wert. Oftmals sehr viel höher als das, was wir im Laden bezahlt haben. Darum sollten wir unsere Kleidung viel mehr schätzen und ihre Lebensdauer auf ein Maximum verlängern.

Aus Jeans mach neu

In unserem Fall habe ich mich entschieden, eine verschlissene Jeanshose meines Mannes in eine neue Jeansjacke für meine große Tochter zu verwandeln. Denn das Kind brauchte dringend eine Jacke für den Herbst und die Hose war so kaputt, dass ich sie nicht vernünftig flicken konnte – ein Fall fürs Upcycling. (Eine andere aussortierte Jeans meines Mannes liegt jetzt übrigens in meinem Kleiderschrank… true Story!) Mit ganz viel puzzeln und Schnittmustertetris hat diese eine Hose (Größe 34/34) auch tatsächlich für die Jacke in Größe 140 ausgereicht. Für das Futter habe ich ein altes Hemd vom Opi verwendet.

Upcyclingmaterial: Eine alte Jeans vom Papa und ein Herrenhemd vom Opi.

Auch bei Schnittmustern bin ich wie immer kritisch und greife lieber zu den Klassikern als zu fancy Hipsterteilen, bei denen ich vorher schon weiß, dass ich sie nur ein einziges Mal für einen bestimmten Anlass nähen werde. Der kleine Draufgänger ist so ein Klassiker, denn der Schnitt steht dem allseits bekannten Urtyp der Jeansjacke in nichts nach. Die vielen kleinen Schnittteile bedeuten zwar einerseits einen Mordsaufwand, andererseits machen sie den Schnitt auch ideal fürs Upcycling.

Vor dem Nähen kommt das Trennen. Die Zeit malt die schönsten Muster.

Beim Upcycling bin ich übrigens ganz klar im Team Nahttrenner. Wenn ich sehe, wie so mancher Hosenbeinnaht rabiat mit der Schere zu Leibe wird, blutet mir das Herz. Ich mag es, solche Nähte aufzutrennen und die mit der Zeit entstandenen Muster und abgewetzten Stellen in das neue Kleidungsstück zu integrieren. Nicht immer, aber immer öfter darf man auch sehen, dass es sich um ein upgecyceltes Teil handelt. Und außerdem mag ich auch nicht auf die zwei Zentimeter Nahtzugabe verzichten. Viele Jeansnähte sind übrigens mit einer Art Coverlocknaht genäht und bestehen aus ineinander verschlungenen Schlaufen. Wenn man eine dieser Schlaufen löst, kann man mit einem Zug die gesamte Naht öffnen. Ohne Nahttrenner! Details dazu hat Swantje von Yeshoneyberlin in einem Hightlight auf Instagram (Stichwort: „Trennen“) festgehalten.

Jeansjacke für Kinder nähen aus alten Jeans mit cooler Geheimtasche

So ganz ohne Nahttrenner kam ich trotzdem icht aus, denn ich habe natürlich auch die Popotaschen abgetrennt und eine davon als lässige Innentasche wiederbelebt. Das Kind liebt es. Auch den Hosenbund habe ich fein säuberlich abgetrennt (er hatte zum Glück eine dieser „Schlaufennähte“) und als Bund an der Jacke übernommen. Die anderen Schnittteile habe ich alle so verteilt, dass die Abnutzungsspuren der alten Jeans am Ende möglichst symmetrisch auf der Jacke erscheinen. Das Puzzeln und Anordnen dauert am Ende fast länger als das Nähen selbst. Upcycling ist eben kein „Mal-eben-Schnell-Zwischendurch-Projekt“.

Druckknöpfe für Knopflochverweigerer ;-)

Jeans zu vernähen ist übrigens gar nicht so furchtbar schwer, wie man manchmal denkt. Man muss nur das richtige Werkzeug zur Hand haben. Ich nähe mit einer relativ einfachen Haushaltsnähmaschine von Brother und die schafft auch mehrere Lagen Denim ganz gut. An den besonders dicken Stellen, wo schon mal sechs Lagen Stoff aufeinander treffen, nähe ich ganz langsam nur mit dem Handrad. Da kann man die Naht mit viel Gefühl gut steuern. Ein paar Tipps dazu habe ich auch in meinem YouTube Videos zur Atenas Jean Jacket eingebaut. Wer also glaube, Denim sei sein Angstgegner, der sollte mal dort reinschauen.

Fast wichtiger als eine tolle Nähmaschine sind nämlich die richtigen Nadeln. Ich habe die Jeansnadeln von Schmetz in 90er Stärke verwendet und die Nadel hat alles anstandslos mitgemacht. Zum Absteppen wechsle ich übrigens immer zur Topstichnadel (ebensfalls Stärke 90), weil diese Nadeln mit dem dickeren Absteppgarn (Gütermann Stärke 50) besser klarkommen und das Stichbild dann besonders schön wird. Die richtige Nadel- und Garnstärke zum jeweiligen Projekt zu finden ist oft gar nicht so leicht und manchmal muss man sich durch die verschiedenen Kombinationen einfach mal durchtesten.

Summa Summarum? Der kleine Draufgänger – noch dazu aus alten Jeans upgecycelt – ist kein Ratzfatz-Easypseasy-Projekt. Und einiges an Näherfahrung sollte man schon auch mitbringen. Aber als erster Jeansjackenversuch sehr empfehlenswert. Die Anleitung ist – wie bei Lotte&Ludwig typisch – klar formuliert und gut strukturiert. Es gibt ein paar kleine „Abkürzungen“, mit denen sich der Schnitt etwas vereinfachen lässt. Die Jacke saß auf Anhieb perfekt – in Größe 140 am 140 cm großen, schlanken Kind. Ich mag den Schnitt sehr und überlege schon, wo wohl die olle Cordhose von Herrn Moritzwerk abgblieben ist. Die würde ein prima Draufgänger-Ausgangsmaterial für den kleinen Herrn Moritzwerk abgeben…

So, und nun erzählt mal wie ihr es handhabt mit Slow und Fast Fashion. Mit Reparieren, Verschenken, Upcycling und Co. Habt ihr auch so ein großes Upcyclinglager und was sind eure Pläne dafür? Und wenn es Slow Sewing gibt, gibt es dann auch Fast Sewing? So viele Fragen! Lasst uns gerne darüber diskutieren.

  • Ulrike
Schnittmuster„Kleiner Draufgänger“ von Lotte&Ludwig
Den Draufgänger gibt es in mini (62 bis 86), klein (Größe 92 bis 158), Damen (34 bis 48), Damen Curvy (48 bis 58) und Herren (44 bis 58).
StoffEine abgewetzte Jeans vom Papa und ein altes Flanellhemd vom Opi
Schnittmusterliebe ★ ★ ★ ★ ★
Schwierigkeitsgrad ★ ★ ★ ★ ☆
Projektkosten ★ ☆ ☆ ☆ ☆

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. T sagt:

    Die Jacke ist wirklich wunderschön und gleichzeitig cool geworden! Meine alten Jeans wurden bisher nur in Babylatzhosen umgewandelt, aber selbst das ist bei meinen kurzen Beinen und Skinny Jeans schon eine Herausforderung! Ansonsten repariere ich im Schritt durchgewetzte (Radfahrer-)Jeans, indem ich ein passendes Stück Stoff an die entsprechende Stelle quilte (Zickzackstich, sonst platzen die Nähte sofort!).

    Es ist auch schön, dass du das Weggeben intakter Kleidungstücke vor dem Upcycling erwähnt hast, denn das Ändern kostet ja in diesem Fall Zeit und Energie, die man vielleicht gar nicht aufwenden müsste.

    Mir hilft es außerdem beim Nähen enorm, dass ich eine Projekteliste führe, in der auch alle kleinen Reparaturen und Änderungen aufgeführt werden. Das motiviert, wenn ich mich wieder über zu wenig selbstgenähte Stücke im Kleiderschrank ärgere, obwohl schon alle Hosen meines Haushalts selbst gekürzt und repariert sind. Außerdem ist es eine schöne Diskussionsgrundlage zum Verhältnis von produzieren und reparieren und zeigt eben auch, ob man selbst dieses Verhältnis so einhält, wie es nachhaltig und sinnvoll wäre.

  2. Hana Mond sagt:

    Tolle Jacke! Gerade bei Jeans lohnt sich das Upcyceln wirklich, denn diese schönen abgeriebenen Säume und „Washed“-Optik bekommt man nicht-industriell ja kaum hin … die Jacke finde ich da auch richtig gelungen, der Nahttrenner-Einsatz hat sich gelohnt!

    Ich würde übrigens bei der Reihenfolge von Punkt 4 und 5 genau aufpassen – verkaufen, okay, aber beim Verschenken werden oft Teile genommen „weil gratis“ und verstopfen dann doch nur andere Kleiderschränke, ohne benutzt zu werden. Wenn die beste Freundin seit Jahren heiß auf die jetzt verschenkte Jeansjacke war, ist das natürlich was anderes (meine Schwester und ich tauschen auch immer mal Kleidungsstücke).
    Aber vor allem beim „Spenden“ sollte man wirklich vorsichtig sein – viele Spendenstellen werden überflutet, viele verstehen „Spenden“ als „ab in den Altkleidercontainer“ – das ist keine Spende, das ist meist Müllentsorgung. Ebenso wie die Sammelaktionen von H&M o.ä. … es wird viel mehr Kleidung „gespendet“ als benötigt wird. Sachspenden sind meist nur bei ganz konkretem Bedarf sinnvoll (also z.B. bei Kleiderkammern für Obdachlose etc. vorher nachfragen, was genau gebraucht wird – oft fehlen Dinge wie Socken oder BHs, weil viele sich genieren, sowas zu spenden, Kleidung in großen Größen, weil die seltener ist – selten fehlen die Dinge, die man in Massen übrig hat).

    In solchen Fällen (verschenken an Leute, die es eigentlich nicht brauchen und wahrscheinlich nicht nutzen; spenden ohne konkreten Bedarf) finde ich Upcycling ganz klar zu bevorzugen.

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