Nähen Upcycling

Mein Latz[traum]a

Es muss ein Kindheitstrauma sein – meine Abneigung gegen alles mit Latz. Seit Jahren sind Latzhosen und -Röcke der heißeste Sch***. Seit Jahren bin ich erfolgreich jedem Latz in meinem Leben ausgewichen. Hundertprozent latzfrei sozusagen. Sogar meine drei Schwangerschaften habe ich komplett ohne Latz gerockt. Und nun DAS! Willkommen in meiner nun nicht mehr latzfreien Garderobe, Dagny.

Enthält Spuren von Werbung | Das Schnittmuster für das Latzkleid habe ich selbst gekauft und die zum Upcycling verwendeten Jeanshosen hat Herr Moritzwerk Jahre zuvor mit Hingabe eingetragen. Lediglich die Schnittmuster für die Mäntel und Shirts wurden mir vor längerer Zeit zur Verfügung gestellt. Alle anderen verlinkten Produkte sind selbst gekauft und mit Überzeugung empfohlen.

Upcycling aus alten Jeans geht am einfachsten, wenn man Dinge mit kleinen Schnittteilen näht. Klamotten für (kleine) Kinder zum Beispiel oder Täschchen oder Patchwork oder so. Wollte ich aber alles nicht. Immerhin hatte meine Große schon eine sehr coole (und heiß geliebte) Jeansjacke bekommen. Und wer mich kennt, weiß um mein nicht gerade einfaches Verhältnis zum Taschen nähen. Bei Patchwork ist das ähnlich. Ich wollte was für mich. Denim als Ausgangsstoff schränkt die Auswahl möglicher Kleidungsstücke schon erheblich ein. Denim aus alten Jeans noch mehr… schließlich bleiben auch nach langen Stunden des hingebungsvollen Auftrennens nur schmale Streifen von höchstens 90 Zentimetern Länge übrig. Aus einer alten Jeans wird eben keine Meterware mit einsfuffzig Stoffbreite mehr.

Rückansicht von Latzkleid „Dagny“ (Fibre Mood) und Fairelith Shirt.

Eine Hose aus einer Hose zu nähen schied für mich aus. Jeanshosen mit ungeplanten Teilungsnähten finde ich nämlich leider äußerst unbequem. Und für Shorts war das Jahr schon zu weit fortgeschritten. Eine Jacke aus Jeans wollte ich auch erst einmal nicht – hab ja schließlich dieses Jahr schon einige Jacken (z.B. diese und diese) genäht und die nächsten stehen schon in der Pipeline. Uff. Blusen, Pullis oder Oberteile aus Jeans sind für mich auch keine Option. Jedenfalls nicht im Winterhalbjahr. Frostbeulenalarm. Blieben also nur noch Röcke. Ich wollte es aber gern bequem haben und möglichst lebkuchengeeignet ohne engen Bund. Also ein Kleid – oder vielleicht ein LATZrock?!

Schnittmuster für Latzröcke

Bähm. Da war sie, die Idee. Gemeinsam mit meiner Instagram-Community suchte ich Schnittmuster für coole Latzröcke (oder sind es Latzkleider?!) zusammen. Diese stolze Sammlung ist herausgekommen:

Und dann war da noch Dagny von Fibre Mood. Lange überlegte ich hin und her. Ich wollte ein lässiges Kleid mit schlichter Schnittführung (damit ich es gut teilen kann) aber bitte mit allen nötigen Details, die ein Jeanskleid eben braucht. Am Ende machte Dagny das Rennen wegen eines klitzekleinen Details: Es hat seitlich jeweils zwei Knöpfe und in die hab ich mich irgendwie verguckt… Freak, I know.

Latzrock Dagny von Fibre Mood

Dagny ist kein Anfängerschnitt. Aber für fortgeschrittene Näherinnen ein Traum. Die Verarbeitung ist wunderbar sauber und das Kleid am Ende von innen fast so schön wie von außen. Die Schnittkanten werden fast komplett entweder mit Belegen oder Schrägband versäubert. Für mich immer wieder eine Einladung zum Spielen mit hübschen Stoffresten. Denn meine Schrägbänder mache ich mir natürlich selbst – in diesem Fall aus einer alten Bluse von mir. Das ist nicht nur viel kostengünstiger und nachhaltiger, sondern oft auch bequemer, weil die gekauften Schrägbänder meist fester und kratziger sind als die selbstgebügelten. Dafür ist das Nähen mit selbstgemachtem Schrägband aber auch etwas mühsamer.

Latzkleid Dagny mit großen Taschen. Dazu das Hepburn Turtleneck von Itch to Stitch.

Um Dagny an meine Jeanshosenreste anzupassen, musste ich dem Schnitt Teilungsnähte hinzufügen, wo vorher keine waren. Im Schnitt ist am Vorder- und Rückenteil jeweils eine Mittelnaht vorgesehen. Dafür reichte die Stoffbreite der Jeans meines Mannes reichte leider nicht aus. Also eliminierte ich die Mittelnaht und fügte zwei seitlich versetzte Teilungsnähte hinzu. Da die Hosenbeine noch dazu zu kurz waren, musste ich auch am Latz ein Stück Stoff ansetzen. In die vertikalen Teilungsnähte intergrierte ich zusätzlich ein paar seeehr tiefe Eingrifftaschen (ich liiiiebe es), an deren Eingriffen nun die abgewetzten Hosensäume in Szene gesetzt sind. Und die vorgesehen Brusttasche ersetzte durch ich eine Popotasche. Mein Mann findet es ein bisschen lustig, dass ich jetzt seine Popotasche auf der Brust trage. Öhm… joa. Ich finde es eigentlich ganz cool. Auch dass die Tasche leicht schief aufgenäht ist, weil diese Popotaschen ja nicht symmetrisch sind, finde ich irgendwie konsequent.

Die Popotaschen der upgecycelten Jeans sind wieder dort gelandet, wo sie hingehören.

Die Rückseite hat auch zwei neue Teilungsnähte bekommen. Hier musste ich die mittlere Teilungsnaht beibehalten, weil sie für eine leichte Taillierung sorgt und ich diese Taillierung nicht ohne weiteres auf die neuen Teilungsnähte übertragen konnte. Die Teilung habe ich leicht gebogen eingezeichnet, sodass sie sich sehr harmonisch in das Gesamtbild einfügt. Am Ende habe ich noch zwei weitere Popotaschen aufgenäht und wieder einmal festgestellt, wie viel Spaß mir Absteppen macht. Steppt ihr auch so gerne ab? Ich musste mich irgendwann regelrecht bremsen, weil ich Angst hatte, dass das Absteppgarn ausgehen könnte. Mein ultimativer Tipp zum akuraten Absteppen: Absteppgarn und passende Topstitchnadeln verwenden! Das geht sooo viel besser als mit der Standard- oder Jeansnadel. Die Stichlänge stelle ich für die Absteppnähte immer etwas länger, das bringt die schönsten Ergebnisse.

Absteppnähte am besten immer mit Absteppgarn und der passenden Topstitchnadel nähen

Silber ist Silber und Gold ist Gold

Eigentlich wäre das Projekt an dieser Stelle schon fertig gewesen, wenn da nicht immer noch ein paar äußerst wichtige Details fehlen würden: Die Kurzwaren. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich einen Latzhosenverschluss fand, der nicht Silber war. Irgendwie habe ich da doch noch eine kleine Sperre in meinem Hirn. Jedenfalls konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, silbern glänzende Verschlüsse (und dann ja auch die entsprechenden Knöpfe) an meinem Latzrock zu tragen… Ich hatte tatsächlich schon mit dem Gedanken geliebäugelt, einen silbernen Verschluss irgendwie selbst zu lackieren, als ich doch noch ein passendes Exemplar in wunderbar mattem und zurückhaltendem Altgold fand. Die Jeansknöpfe von YKK in Bronze passen zum Glück perfekt dazu. Das nächste Mal bestelle ich aber noch die passende Zange von YKK mit dazu. Die Variozange von Prym ist nämlich nicht so richtig kompatibel mit dem YKK-Knöpfen und das Anbringen mit dem Hammer eine äußerst mühselige (und ungenaue) Anglegenheit.

Latzhosenverschluss und Metallschließe in Altgold mit Jeansknopf in Bronze

Als dann endlich die letzte Naht abgesteppt und der letzte Knopf eingehämmert war… war da aber irgendwie immer noch diese Sperre. Das Nähen hatte so gut geklappt, das Ergebnis war überzeugend. Aber trotzdem wollte ich Dagny nicht anziehen. Sie hing also erst einmal einige Wochen in meinem Nähzimmer. Ich glaube, sie musste reifen. Oder ich? Nun endlich habe ich mir selbst einen Ruck gegeben und Fotos von Dagny gemacht. Und plötzlich war die Latzsperre wie weggezaubert. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, nach möglichen Dagny-Kombinationen in meinem Kleiderschrank zu suchen. Ein paar davon hab ich direkt mal fotografiert. Welche Kombi mögt ihr am liebsten? Ich liebe ja das Streifenshirt und meinen grauen Kuschelmantel dazu. Der Rolli drunter ist auch perfekt. Und der rosa Lieblingspullover sowieso. Eigentlich ist alles cool. Hab Dagny nach dem Fotoshooting direkt anbehalten. Zack. Trauma besiegt. Yeah!

Ende gut. Alles gut. Ich bin froh, jetzt eine so coole Dagny in meiner Garderobe zu haben. Trotz Latz. Oder auch gerade deswegen. Denn – jetzt mal ehrlich – das hättet ihr mir auch mal früher sagen können, wie unglaublich bequem diese Latzdinger sind. Und wie schön sich das kombinieren lässt. Da kann man sogar das eigentlich zu eng gewordene Shirt drunter tragen und eine Extraportion Lebkuchen naschen. Sogar ein dicker Pulli drunter funktioniert super. Damit ist Dagny für mich der perfekte Herbst-Winter-Begleiter. Und im Frühjahr tausche ich dann Rollkragen und Strickjacke gegen T-Shirt und Bluse. Das sieht bestimmt auch super aus. Hach. Was für ein Happy End.

  • Ulrike
LatzkleidDagny von Fibre Mood, upgecycelt aus anderthalb alten Jeanshosen, genäht in Größe 38 ohne Änderungen. Fällt groß/weit aus!
schwarz-weiß gestreiftes LongsleeveFairelithtop via Näh-Connection aus Nosh-Jersey
Bordeauxfarbener RollkragenpulloverHepburn Turtleneck via Näh-Connection aus Bio-Jacquard von Albstoffe
Hellgrauer MantelOpal Cardigan via Näh-Connection (oversized genäht) aus Bio-Baumwollfleece von Lebenskleidung
Brauner MantelOpal Cardigan via Näh-Connection aus Bio-Baumwollfleece von Lebenskleidung
Rostrote große TascheElsbag, ein Geschenk von Annika von Näh-Connection
Braune kleine Tasche#dieanderetasche, ein Geschenk von Lee von Mein anderes Ich

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Maple sagt:

    Ich habe die Knöpfe vor Kurzem bei einem Bobbi Rock verwendet und habe zur leichteren Befestigung einfach die kleinen Pins an den beiden Montagehilfen entfernt und dann mit einer kleinen Schraubzwinge ganz langsam zugedreht. Macht es viel kontrollierter als mir dem Hammer. Ich finde es ja immer doof, wenn man für alles Spezialwerkzeug braucht.

    Gratulation zu deinem sehr gelungenem Upcycling.

  2. Gisela sagt:

    Da hast du ein sehr cooles Latzkleid aus der alten Jeans gezaubert, Respekt! Ich musste beim Lesen schmunzeln: Wie du hab ich mich lange gegen den Latztrend gestemmt, im Juni dann doch ein Latzkleid genäht (Pippi Pinafore von Jennifer Lauren) und jetzt liebe ich es! Und ich musste auch lange suchen, bis ich endlich bronzene Latzverschlüsse gefunden hatte … Die Kombi mit dem rosa Pulli gefällt mir am besten! LG Gisela

    1. Ulrike sagt:

      Hi Gisela,
      ist es nicht verrückt, wie manche Trends sich am Ende doch irgendwie durchsetzen, obwohl man sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Hoffentlich ergeht es mir mit den gerade so hippen Leoprints nicht genauso. Die finde ich nämlich tatsächlich ziemlich örgs. ;-)
      Liebe Grüße, Ulrike

  3. Moni sagt:

    Eieiei, Du sprichst mir ja so aus der Seele, ich weiß genau was Du meinst, es sehen ja alle so cool aus mit ihren Latzkleidern, aber ich selbst? No Way! Jetzt hast Du mich mit Deinem liebevoll formulierten und mit tollen Fotos ausgestatten Beitrag aber irgendwie wieder ins Wackeln gebracht. Steht Dir wirklich klasse und lässt sich ja scheinbar tatsächlich unendlich kombinieren. Ich muss nochmal nachdenken.

    Liebe Grüße!

    1. Ulrike sagt:

      Moin Moni, das tut mir aber leid… nicht. ;-)
      Versuchs doch mal. Ich glaube, du wirst überrascht sein. Und wenn du das ganze sogar upcycelst, kannst du eigentlich nur gewinnen.
      Viele Grüße, Ulrike

  4. Jutta sagt:

    Ich sitze immer mit offenem Mund vor deinen tollen detailverliebten Upcyclingprojekten… einfach großartig und es steht dir soooo gut. Ich habe zum Glück kein Latztrauma, obwohl ich ein Kind der 70er bin. Meine cord pinafore cloe von Tilly hab ich schon ein paar Jahre und schätze die Gemütlichkeit. Selbst meine wählerische und dem selbstnähen skeptisch gegenüberstehende Tochter (was sich mittlerweile zum Glück geändert hat, sie ist jetzt 20) hat sich vor zwei Jahren sowohl eine schwarze cord cloe als auch eine schwarze Latzhose gewünscht. Aber deine Jeansversion toppt echt alles. Ich hab glaub ich auch noch ein paar alte Jeans in meiner upcycling Kiste 🤔 ich geh mal trennen…. danke für deinen Beitrag, es ist immer ein Genuss deine ausführlichen Artikel zu lesen. Liebe Grüße, Jutta

    1. Ulrike sagt:

      Liebe Jutta,
      ganz lieben Dank für deine lieben Worte. Für so ein liebes Feedback geb ich mir gern extra viel Mühe. :-)
      Viel Spaß beim Trennen (sei stark!), Ulrike

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