Nähen

Tolle Wolle {Winterwoold}

Warum bitte, hat mir eigentlich nicht schon früher jemand gesagt, wie toll Wollstoffe sind?! Okay, okay… ich hatte beiläufig mal davon gehört. Aber so richtig glauben mochte ich es nicht. Bis ich es am eigenen Leib getestet habe. Und nun ist es um mich geschehen. Meine Kinder haben nicht so lange gebraucht. Sie haben meinen Dunnerkiel gesehen und sofort beschlossen: „Mama, so einen will ich auch!“ Alle drei! Und weil von meinem Dunnerkiel-Hack noch ein guter Rest Wollloden übrig geblieben war, konnte ich den zwei kleinen ihren Wunsch sogar direkt erfüllen.

Winterwoold aus Bio-Wollloden von Elbwolle

Enthält Spuren von Werbung | Alle verlinkten Stoffe und Schnittmuster habe ich selbst gekauft. Für die Verlinkung wurde ich weder angefragt noch bezahlt. Wie immer gilt: Mein Post, meine Meinung.

Ganz ehrlich? Wolle war für mich lange Zeit ein esoterisch angehauchter Mythos, der im Waldkindergarten besser aufgehoben war als in meinem designorientierten, urbanen Umfeld. Bis ich begann, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Irgendwann siegte die Neugier. Ich bestellte massenhaft Stoffproben von fast allen nachhaltigen Wollstoffen, die ich finden konnte, und nähte mir meinen Dunnerkiel aus Bio-Wollloden von Elbwolle. Und meinen zwei Kleinen jeweils einen Winterwoold von Rabaukowitsch. Wir testen das Material nun schon eine ganze Weile und ich muss ein bisschen schamvoll gestehen: ES IST WIRKLICH SO TOLL!!!

Wollstoffe – Robuste und pflegeleichte Outdoorstoffe

Die Sache mit der „selbstreinigenden Wirkung“ habe ich nie so recht geglaubt. Bis zu dem Tag, als wir einen Ausflug in den regennassen Herbstwald machten und meine Kinder in ihren hellgrauen Wolljacken durch Matsch und Dreck gerobbt sind. Im Geiste sah ich mich schon in stundenlanger Verzweiflung im Badezimmer stehen und in mühevoller Handwäsche eingetrocknete Matschflecken aus den Kinderjacken (und meinem Dunnerkiel) rubbeln. Ich Anfängerin!

Winterjacke: Winterwoold von Rabaukowitsch aus Wollloden

Fakt ist: Zurück zu Hause habe ich die Flecken vergeblich gesucht. Meine Kinder sind auf dem Hosenboden Hügel hinunter gerutscht. Die Rückansichten der Hosen haben dies eindrucksvoll belegt. Sie haben sich mit den überlangen Ärmeln auf matschigem Waldboden abgestützt und sich an feucht bemooste Bäume gelehnt, sodass Mama aus lauter „Sorge“ um die neuen Jacken beim Spaziergang tausend kleine Herzkasper hatte. An den Jacken und Mänteln war aber – bis auf ein bisschen Staub, das sich einfach abklopfen lies – nichts. Nichts!

Wollloden – auf natürliche Weise wasserabweisend und atmungsaktiv

So ein Wollloden als Obermaterial für Jacken und Mäntel kann einem also wirklich das Leben erleichtern. Liebe Waldkindergarteneltern und Outdoorfanatiker, ich glaube euch jetzt. Endlich! Und der Tragekomfort ist natürlich auch um Längen angenehmer als irgendwelche milchelinmännchenartigen Steppjackenungetüme. Man schwitzt einfach nicht in dem Stoff. Auch nicht, wenn man wie verrückt seinen Geschwistern hinterherjagt und den Waldspaziergang quasi rennend absolviert. Man friert aber auch nicht, weil man eben nicht schwitzt. Das Material hält die Körperwärme nah am Körper, lässt Feuchtigkeit aber sofort hinaus. Und viel dünner und leichter als vergleichbar wärmende Winterjacken sind diese hier auch noch. Kein Wunder, dass meine kleine Tochter seit seiner Fertigstellung nur noch ihren Winterwoold tragen möchte.

Winterwoold von Rabaukowitsch aus Wollstoff mit gelben Details

Am Schnitt für den Winterwoold meiner Tochter habe ich dieses Mal fast gar nichts geändert. Nur den Reißverschluss habe ich wie bei meinem Dunnerkiel-Hack aufgenäht. Dieses System hat mich wirklich überzeugt. Ansonsten habe ich das meiste einfach großzügig weggelassen und somit ist es wohl der schlichteste Wooldlöper der Geschichte. Keine Kapuze zum Abknöpfen, keine Klappen an den Taschen, keine Tunnelzüge oder Riegel. Nur ein paar lieblingsfarbige (in diesem Fall also gelbe) Paspeln mussten sein und ein paar Ellbogenpatches, weil ich einen Rest Cord in gerade der richtigen Menge und Farbe da hatte. Für das sehr, sehr schmale Kind musste ich einige Größen verbinden. In der Höhe ist es nun die 134 und in der Weite die 122. Der Mantel ist immer noch sehr reichlich weit, ich hätte also durchaus noch mehr verschmälern können für die Statur des Kindes und das dünne Material. Hab mich aber nicht getraut. Aber so passt im Winter sicherlich noch ein dicker Pullover oder eine Weste drunter. Und vielleicht kann sie ihn sogar noch im nächsten Jahr tragen. Innen ist der Winterwoold mit Bio-Baumwolljersey gefüttert. Inzwischen weiß ich, dass diese Kombination suboptimal ist. Wolljersey (oder eine dünne Wollwebware) wäre hier die bessere Wahl gewesen. Nächstes Mal. Der Wollloden in Verbindung mit einem Jerseyfutter ist wärmetechnisch betrachtet für unseren norddeutsch-milden Spätherbst bislang völlig ausreichend. Für die drei Tage im Jahr, an denen die Temperatur unter Null liegt, finden wir ganz gewiss eine kuschelige Zwiebellösung.

Paspeln bringen Farbe in graue Wollstoffe

Die Ärmel habe ich bei diesem Winterwoold wie übrigens auch bei dem des Brüderchens ungefüttert gelassen. Das verbessert die Bewegungsfreiheit und gibt Platz für das Zwiebelschalenprinzip. Am Ärmelsaum habe ich versteckte Bündchen eingenäht, um Zugluft keine Chance zu geben. Auch hier habe ich wieder den Fehler gemacht und Baumwollbündchen verwendet. Nun muss ich eben mit dauerdreckigen Bündchen leben.

Denim kann mit Wachs imprägniert werden

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, aber die Jacke des Brüderchens ist nach dem gleichen Schnitt entstanden. Da die Lieblingsfarbe des jungen Mannes Grün ist und er es damit sehr genau nimmt, habe ich für diese Jacke alles grüne in meinem Fundus zusammengetragen, was ich finden konnte. Der einizge verfügbare grüne Reißverschluss war aber viel zu kurz für den Winterwoold… aber dieser Länge musste sich der Schnitt unterwerfen und darum ist dieser Winterwoold nun ein eher kurzes Jäckchen geworden. Für kleine Räuber aber genau richtig, wie ich finde. Den Reißverschluss habe ich dieses mal „richtig“ eingenäht, damit er besser zu Geltung kommt. Aus grünem Denim sind die Taschen, Kapuze und hintere Passe (inkusive Schultern) genäht. Damit der Denim mit der Wetterfestigkeit des Lodens ein Stück weit mithalten kann, hat er eine schützende Schicht aus Wachs bekommen. Mit diesem Verfahren habe ich schon bei meiner Tosti Jacket gute Erfahrungen gemacht.

Gekürzter Winterwoold von Rabaukowitsch

Ich konnte es mit nicht nehmen lassen und habe – wahrscheinlich ein allerletztes Mal in meiner Nähkarriere – die Kapuze als Wichtelkapuze genäht. Irgendwann sind die lieben kleinen ja leider zu groß und zu cool für süße Kapuzen mit Zwergenzipfeln. Aber für den vierjährigen ist die gerade noch richtig. Gefüttert ist die Kapuze übrigens mit den Resten eines alten Flanell-Schlafanzugs von mir. Das ist richtig schön kuschelig um die Ohren und sieht mit dem grauen Karo einfach niedlich aus. Entgegen meiner sonstigen Überzeugung habe ich an dieser Jacke viel getüddelt. Schließlich musste ich ein Maximum an grünen Dingen unterbringen. Wie die grüne Kordel, die an der Kapuze hervorblitzt, und das applizierte Fahrrad vorne über der Tasche. Zum Glück hat der Kleine die Menge an Grün am Ende genehmigt, auch wenn er mich beim Nähen immer wieder darauf hinwies, dass diese Jacke ja nicht grün sei und er sie deshalb nicht tragen würde. Das grüne Fahrrad und der SnapPap-Stern haben’s am Ende gerettet.

Details bringen Farbe ins Spiel

Dieser kleine Winterwoold ist komplett ungefüttert und hält den kleinen Mann bei Temperaturen bis ca. fünf Grad warm. Wenn es kälter wird, passt noch eine dicke Fleecejacke drunter. Gegen Zugluft von unten hilft ein Bündchen. Das steckt nicht nur im Ärmel, sondern auch auch untenrum am Saum. Man sieht es nicht, schließlich ist es ein verstecktes Bündchen, aber es ist wirklich da. Das müsst ihr mir einfach glauben.

Winterwoold aus Wolle – perfekt für aktive Waldkinder

Ich bin froh, dass ich endlich die Wunder der Wolle für mich und meine Familie entdeckt habe. Insbesondere die Wunder der regionalen Wolle. Natürlich wird jeder, der schon einmal eine Jacke aus kuscheligstem Merinowalk streicheln durfte, irritiert die Nase rümpfen angesichts der Rauheit dieses Lodens. Aber dafür ist es ein Material, das quasi vor meiner Haustür (also ungefähr hunderfünfig Kilometer entfernt) „wächst“ und darum auch für das norddeutsche Schmuddelwetter bestens gewappnet ist. Die Schafe, von denen die Elbwolle stammt, kümmern sich als lebendige Rasenmäher um Streuobstwiesen und Deichbegrünung. Noch bis vor kurzem wurde ihre wunderschöne Wolle einfach entsorgt. Zu rau, zu fest, nicht wirtschaftlich, hieß es. Nun lässt Elbwolle daraus diesen wunderbaren Loden fertigen und liefert damit den Beweis, dass es nicht immer weich-weicher-am-weichesten sein muss, sondern dass auch norddeutsch-herbe Wolle ihre Vorzüge hat.

Dunnerkiel und Winterwoold aus Bio-Wollloden von Elbwolle

Wer angsichts meines Plädoyers für tolle Wolle nun Lust hat auf eigene tierische Projekte, dem sei zum Einstieg mein Info-Post über dieses Wundermaterial mit all seinen Vor- und Nachteilen ans Herz gelegt. Schwarze Schafe lauern nämlich auch hier. Aber auch ganz viele (noch) verborgene Schätze…

  • Ulrike
Jacke mit gelben DetailsWinterwoold von Rabaukowitsch: Länge 134, Weite 122 am 132 cm großen, sehr schmalen Kind. Innen gefüttert mit Bio-Baumwolljersey, Arme ungefüttert. Verdeckte Ärmelbündchen
Jacke mit grünen DetailsWinterwoold von Rabaukowitsch: Weite 116, Länge stark gekürzt. Kind 110 cm groß. Ungefüttert mit verdeckten Bündchen an Ärmeln und Saum.
StoffeBio-Wollloden von Elbwolle via Lebenskleidung, gelber Jersey von Nosh, grüner Denim aus dem Vorrat, Karrierter Flannell upgecycelt

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Christina sagt:

    Wahnsinn!!!
    Wunder-wunderschöne Mäntel hast du da für euch gefertigt!
    Besonders in die für den kleinen Zwerg habe ich ich verguckt!!!
    Ich hätte direkt Lust nachzulegen, nach deinem Plädoyer für Wolle.
    Wir haben einiges aus Walk (gehabt), aber seit die Lütten nicht mehr ganz Lütt sind, habe ich die Wolle irgendwie aus den Augen verloren. Vielleicht bessere ich das bald mal nach, wobei ich mich vor dem unglaublichen Aufwand, den man beim Jacken nähen betreibt, für die Kinder bisher nur selten aufraffen konnte…
    Viele Grüße Christina!

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Christina,
      ganz lieben Dank für das süße Kompliment! Ich finde jackennähen ja inzwischen gar nicht mehr so wahnsinnig aufwändig, aber ich habe 2020 auch tatsächlich verdammt viele davon genäht… ähm… so ungefähr sieben, wenn ich mich nicht verzählt habe. Huiuiuiui…
      Die Winterwoolds waren aber definitiv die einfachsten davon und ratzfatz genäht. ;-)
      Liebe Grüße, Ulrike

  2. Claudia sagt:

    Wunderschöne Mäntel! Ich habe das Projekt auf meine 2021 Liste – ich denke dass meine kleinere Tochter besser profitieren kann jetzt wo sie kein Baby mehr ist… Aber eine Frage, wir hatten auch noch ein Mantel nach Rabaukowitsch gehabt (allerdings bei der liebe A.Muno gekauft) und sie hatte auch ganz normale Bündchen an den Ärmel gehabt, und ja, die waren immer seeeehr dreckig… was würdest du dann empfehlen um dieses Zugluft zu verhindern? wegen des Putzens meine ich?

    Viele liebe Grüße aus dem Allgäu,
    Claudia

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Claudia,
      wenn du den Mantel/die Jacke aus einem Wollstoff nähen möchtest, solltest du dringend auch das Futter und die Bündchen aus Wolle wählen. Kleidungsstücke aus einheitlichen Materialien sind deutlich einfacher zu pflegen. Wolle wird weniger schnell dreckig als Baumwolle und muss seltener, aber vorsichtiger gewaschen werden. Dafür kann Baumwolle auch mal ordentlich in der Waschmaschine durchgeschleudert werden. Schöne Wollbündchen gibt es zum Beispiel bei Danisch Pur (Werbung ohne Auftrag).
      Ich hoffe, das hilft dir ein Stück weiter.
      Viel Spaß beim Nähen,
      Ulrike

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