Sustainable Sewing

#whomademyfabric ?

Stoff. Fünf simple Buchstaben – in denen so viel drin steckt. Ab heute ist wie jedes Jahr im April wieder Fashion Revolution Week und wir fragen uns einmal mehr: #whomademyclothes? Dieses Jahr gehen wir noch einen Schritt weiter und wollen vor allem wissen: #whomademyfabric ? Wer hat eigentlich meinen Stoff gemacht?

Gute Stoffe, schlechte Stoffe

Eines gleich vorneweg: Stoff ist nicht gleich Stoff. Es gibt relativ guten Stoff und weniger guten und sogar richtig schlechten. Den perfekten Stoff gibt es allerdings gar nicht. Herauszufinden, in welche Kategorie ein bestimmter Stoff eingeordnet werden kann, ist meist schwierig und oft sogar unmöglich. Hersteller und Produzenten halten sich gern bedeckt, wenn es um die Wertschöpfungskette ihrer Waren geht. Diese Ketten sind nämlich sehr lang und sehr undurchsichtig. Bevor ein Stoff auf unserem Nähtisch landet, ist er durch unzählige Hände gewandert.

Für pflanzliche Naturfaserstoffe wie Baumwolle oder Leinen beispielsweise muss ein bäuerlicher Betrieb zunächst Saatgut bestellen und ausbringen (lassen). Feldarbeiter:innen kümmern sich um den Vegetationsprozess der Feldpflanzen und später um die Ernte reifen Pflanzen. Danach extrahieren Arbeiter:innen in mehr oder weniger auswändigen Prozessen (Details zu Leinen gibt es hier und zu Baumwolle hier) die Fasern aus den Pflanzen, bevor diese im nächsten Schritt zu Garnen versponnen werden. Diese Garne wiederum werden in einer anderen Fabrik gebleicht und ggf. in weiteren Fabriken gefärbt und veredelt. In einer Weberei oder Strickerei entstehen schließlich die Stoffe, die je nach Stoffart anschließend erneut gefärbt oder bedruckt und weiterbehandelt (ausgerüstet) werden. Oft werden die Stoffe dann über Zwischenstops an Großhändler geliefert, bevor sie im Stoffladen und später auf unseren Nähtischen enden. Dazwischen wird immer wieder alles gelagert und transportiert und gelagert und transportiert…

Bei Stoffen aus Regeneratfasern wie Lyocell oder Viskose klingt der Herstellungsprozess etwas weniger komplex: Pflanzenteile werden in einer Fabrik unter Einsatz chemischer Mittel und großer Maschinen zu Garnen gespritzt, gebleicht und/oder gefärbt und anschließend verwebt bzw. gestrickt und teilweise bedruckt. Aber woher kommen die Pflanzenteile? Wer hat die Pflanzen angebaut, gepflegt, geerntet? Und unter welchen Bedingungen? Und wo?

Chemische Fasern wie Polyester und Polyamid bestehen aus Erdöl. Sie stellen mit mehr als 70 Prozent den größten Anteil der textilen Fasern auf dem Weltmarkt. Hauptproduzent ist China, weit vor Indien und den USA. Von den ca. 80 Mio Tonnen wurden 2019 in Deutschland nur etwas mehr als 0,5 Tonnen und im restlichen (West-) Europa 3,3 Tonnen hergestellt. Wer das Rohöl dafür gefördert, transportiert und aufbereitet, ist fast so transparent wie das Rohöl selbst. Nämlich gar nicht. ³

Bei Stoffen tierischen Ursprungs wie Wolle und Seide kommen zusätzlich noch tierschutzrechtliche Fragen hinzu. Werden die Tiere artgerecht gehalten und versorgt? Was ist mit den Menschen, die die Tiere züchten, pflegen, scheren und die Rohmaterialien aufbereiten, waschen, kämmen, transportieren, weiterverarbeiten und und und? Einen Beitrag über Wollstoffe habe ich hier bereits veröffentlicht.

Es ist also gar nicht so leicht zu identifizieren, wer eigentlich unseren Stoff gemacht hat. Gemacht haben ihn viele. Die Frage ist eher: Unter welchen Bedingungen wurde mein Stoff gemacht?

Das zu beantworten, ist NOCH viel schwieriger. Trotz zahlreicher Gesetze und Verordnungen sind Menschenrechtsverletzungen und ausbeuterische Methoden entlang dieser undurchsichtigen Wertschöpfungskette der Stoffherstellung noch immer sehr wahrscheinlich. Dazu gehören z.B. Zwangs- und Kinderarbeit, unbezahlte Überstunden, Jobunsicherheit, schlechte Bezahlung, Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Hautfarbe und/oder Geschlecht, Unterdrückung gewerkschaftlicher Organisationen, unsichere und sogar gefährliche Arbeitsbedingungen und kaum Zugang zu juristischer Unterstützung, um Ungerechtigkeiten anzeigen zu können.²

Können Siegel helfen?

Einen ersten Anhaltspunkt für fair hergestellte Stoffe bieten Siegel. Das in der Nähwelt bekannteste ist sicherlich die GOTS-Zertifizierung. Doch auch ein GOTS-zertifizierter Stoff kann bis zu 30 Prozent Fasern enthalten, die nicht den ökologischen und sozialen Standards entsprechen. Was genau ein „kontrolliert biologischer Anbau“ oder eine „kontrolliert biologische Tierhaltung“ bedeutet, ist nicht eindeutig definiert. Die Rahmenbedingungen hierfür werden jeweils durch die nationale Gesetzgebung festgelegt. Und diese kann sehr unterschiedlich sein, immerhin ist der Einsatz von synthetischen Pestiziden, Insektiziden und Herbiziden sowie genetisch veränderten Organismen grundsätzlich ausgeschlossen. Das Siegel setzt auch gewisse soziale Mindeststandards voraus, die aber nicht besonders hoch sind. Strenger ist das Siegel IVN Best, das höhere soziale und ökologische Standards voraussetzt und bei dem die Fasern zu 100 Prozent ökologisch zertifiziert sein müssen. Für eine faire Produktion speziell von Baumwolle setzt sich das Siegel Fairtrade Cotton ein. Es definiert hohe soziale Standards entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette. Das staatliche Siegel Grüner Knopf untersucht eine Reihe von Kriterien, die jedoch haupsaächlich das Ready-to-wear-Segment betreffen.⁴

Bis auf die GOTS-Zertifizierung sind alle genannten Siegel im Meterware-Segment bedeutungslos bzw. nicht vorhanden. Hinzu kommt, dass ein Stoffhändler, der selbst nicht zertifiziert ist, das Label auch überhaupt nicht verwenden darf. Und die Zertifizierung ist teuer und aufwändig. Kein Wunder, dass kaum jemand den Aufwand auf sich nimmt. Der einzige mir bekannte Stoffhandel mit GOTS-Zertifizierung ist Siebenblau in Berlin. Im „normalen“ Stoffladen oder beim Onlineshopping fehlen den Konsument:innen daher oft die entscheidenen Informationen, wenn sie eine nachhaltige Kaufentscheidung treffen wollen. Eine kleine Hilfe kann es sein, wenn man als Interessent:in beim Shoppen zumindest den Hersteller eines Stoffes identifizieren und mit dieser Information eigene Nachforschungen anstellen kann. Aber auch diese Information ist nicht überall verfügbar.

Und was nun?

Die nachhaltigste Entscheidung wäre es, überhaupt gar nichts zu kaufen. Auch keinen Stoff. Aber so ganz ohne Stoff und Nähen sähe unsere Nähwelt ziemlich traurig aus. Ich persönlich kaufe (meistens) nur dann Stoffe, wenn ich sie für ein konkretes Projekt benötige. Und ich informiere mich vorher, so gut es die Informationslage eben zulässt, über meinen Wunschstoff. Viele Produzente fallen für mich von vornherein weg, weil ich mit den Produktionbedingungen nicht einverstanden bin. Mit meiner bewussten Kaufentscheidung unterstütze ich diejenigen Unternehmen, die ihre ökologische und soziale Verantwortung übernehmen. Außerdem nutze ich „Alttextilien“, wann immer ein Projekt es zulässt. Gebrauchte und verschlissene Kleidung kann ein wunderbares Ausgangsmaterial für neue Nähprojekte sein. Stichwort Upcycling und Refashioning. Alte Bettwäsche oder Tücher aus Leinen, die oft massenhaft in den Wäscheschränken unserer Omas und (Schwieger-)Mütter liegen, lassen sich wunderbar in luftige Kleider und Hosen verwandeln. Wer keine Angehörigen mit alten Leinenschätzen sein eigen nennt, wird ganz sicher auf Flohmärkten oder bei Ebay fündig. Man muss nur kreativ sein.

Manchmal geht es aber doch nicht ohne neuen Stoff . Um eine klare und bewusste Kaufentscheidung treffen zu können, brauchen wir Informationen. Mehr Informationen! Also fragt eure liebsten Händler:innen, Stoffhersteller:innen oder Designer:innen diese Woche einmal #whomademyfabric und bittet sie um mehr Transparenz. Hier könnt ihr euch das #whomademyfabric-Poster downloaden. Druckt es aus, macht ein Bild davon mit eurem Lieblingsstoff, postet es in den Sozialen Medien und taggt diejenigen, von denen ihr euch eine Antwort wünscht. Ich bin gespannt, ob wir dieses Jahr Antworten bekommen.

Viel Erfolg beim Nachhaken,
– Ulrike

² Informationen von Fashion Revolution, insbesondere Menschenrechte: https://issuu.com/fashionrevolution/docs/fr_whitepaper_2020_digital_singlepages S.29
³ Informationen zu Chemiefasern: https://www.ivc-ev.de/de/weltproduktion-von-chemiefasern-balkendiagramm
https://www.ivc-ev.de/de/chemiefaserproduktion-nach-regionen-balkendiagramm
⁴ Überblick über Textilsiegel: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/umwelt-haushalt/nachhaltigkeit/faire-kleidung-das-bedeuten-die-siegel-7072

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Kirsten sagt:

    Liebe Ulrike,
    Vielen Dank für diesen gut strukturierten und echt informativen Artikel und immer wieder unfassbar, dass transparente Informationen über Produktionsdetails solche Mangelware sind .
    Liebe Grüße Kirsten

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Ich hab's verstanden.