Nähen

Schräg – schräger – Fadenlauf

Ich hab tatsächlich ein Weilchen hin und her überlegt, ob mein neuestes Werk (das nun auch schon gute drei Monate auf dem Buckel hat) einen eigenen Blogpost verdient hat. I mean – so ein einfarbig schwarzes Shirt ohne alles ist ja schon ein bisschen öde. Zumindest auf den ersten Blick. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man schnell, dass dieses „Shirt“ alles andere als gewöhnlich ist. Es ist nämlich in Wirklichkeit ein ziemlich schräges Teil.

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Das so ziemlich erste, was ein Nähneuling lernt, ist der tiefe Respekt vor dem Fadenlauf. Ihr wisst schon, dieser lange Pfeil auf den allermeisten Schnittmusterteilen, der anzeigt, was nach „oben“ und was nach „unten“ gehört. Der Fadenlauf markiert also die Richtung eines Stoffes und meistens ist es äußerst ratsam, sich sehr genau an den Fadenlauf zu halten. Selmin von Tweed and Greet hatte vor Jahren mal einen super informativen Post über den Fadenlauf geschrieben. In den aller-allermeisten Fällen wird ein Schnittteil streng senkrecht entlang des Fadenlaufs zugeschnitten. Das sorgt für gute Stabilität und den „richtigen“ Fall des Stoffs. Wenn man aber einen Stoff um 45 Grad gedreht zum Fadenlauf zuschneidet, passiert etwas wundersames: Selbst unelastische Webware wird plötzlich (ein bisschen) elastisch.

Vorder- und Rückansicht vom Curlew-Shirt

Dieses Prinzip macht sich das Curlew Shirt aus dem Workbook von Merchant and Mills zunutze. Das Shirt (das es im Buch auch als Kleid und Top gibt) wird aus (unelastischer) Webware im sogenannten schrägen Fadenlauf zugeschnitten und – Achtung, jetzt kommt’s – mit einem elastischen Jerseystich vernäht! Da musste die Nähperfektionistin in mir schon dreimal schlucken. Webware mit Zickzackstich nähen! Wer macht denn sowas?!

Ich hab’s gemacht und das Ergebnis überzeugt auf der ganzen Linie: Das super schlichte Shirt trägt sich wunderbar bequem und engt überhaupt nicht ein, obwohl das Material ein eigentlich ziemlich festes Leinen ist. Hat ein bisschen was von Zauberei. Davon werde ich mit Sicherheit noch weitere Exemplare zaubern. Ich mag es nämlich sehr, dass dieses Blusenshirt fast so bequem ist wie ein Jerseyshirt, sich aber – für mein Empfinden – viel schöner vernähen lässt als schnöder Jersey. Und schicker ist es sowieso. Und gleichzeitig cool. Je nach Styling. Und noch ein Pluspunkt: Es kommt ganz ohne Elasthan aus. Yeah!

Curlew – Ein Blusenshirt im schrägen Fadenlauf aus antikem Leinen

Ein Wehrmutstropfen bleibt: Schnitte im schrägen Fadenlauf punkten nicht gerade in Sachen Stoffverbrauch. Die schräg gelegten Schnittteile sind ziemliche Stofffresser. Aber mit ein bisschen Improvisation und Puzzeln konnte ich dieses Shirt einem ca. 80 x 200 cm großen Stoffstück abtrotzen. Für lange Ärmel hat es allerdings nicht gereicht. Gut dass ich eh Dreiviertelärmel liebe. Am Saum musste ich jeweils ein Dreieck anstückeln. Bei einfarbigen Stoffen gar kein Problem – hier in Schwarz fällt das kaum auf. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich so eine Teilung auch als extra betontes Designelement gut machen würde. Zum Beispiel farblich abgesetzt, oder mit Ziernähten oder Paspeln gepimpt.

Manchmal muss mensch improvisieren. Hier habe ich fehlende Stoffecken angestückelt.

Im Workbook sind mit den drei verschiedenen Curlew-Modellen auch drei unterschiedliche Arten der Verarbeitung beschrieben. Das Kleid wird am Halsausschnitt mit einem Beleg versäubert, das Langarmshirt komplett gedoppelt (hab ich bei meinem Modell #ausgründen nicht gemacht) und das Top wird mit einem Schrägband versäubert (hab ich so fürs Shirt übernommen).

Das Workbook von Merchant & Mills sieht nicht nur verdammt gut aus, es beherbergt auch einige sehr vielseitige und klassische Schnittmuster für fortgeschrittene Näher:innen.

Die Nähmethoden und einzelnen Schritte sind gut beschrieben und mit Zeichnungen unterstützt. Für fortgeschrittene Näher:innen ein wirklich gutes Buch, das nebenbei auch als optisches Highlight ein Genuss für die Augen ist. Von mir eine Herzensempfehlung. Das Buch gibt es auf Englisch direkt beim Hersteller und auch auf Deutsch bei vielen kleinen Stoffdealern und im örtlichen Buchhandel. Die Schnitte sind äußerst vielseitig, sehr klassisch und zeitlos, aber größtenteils auch recht anspruchsvoll. Das Curlew-Shirt war mein erstes Projekt aus diesem Buch, in dem ich nun schon einige Jahre lang immer wieder geblättert habe. Durchaus Lust hätte ich nun, da der Herbst sich eingeschlichen hat, auch auf Strides-Hose und den Haremere-Mantel… Wenn nur die To-Sew-Liste nicht schon wieder bis in alle Unendlichkeit gefüllt wäre. Nun ja, weitere Curlew-Shirts plane ich definitiv ab dem Frühling ganz fest ein. Und jetzt widme ich mich der Herbstnäherei. Im letzten Bild hab ich schon einen Hinweis versteckt… Wer findet ihn zuerst?

  • Ulrike
SchnittmusterCurlew Shirt aus dem Workbook „Make | Fashion | Work – Garderobe zu jeder Jahreszeit“ von Merchant & Mills genäht in Größe 12, Ärmel gekürzt
Stoffselbst gefärbtes (Simplicol) antikes Leinen (nicht zu vergleichen mit aktuellen Leinenstoffen, sondern wesentlich feiner und fester)

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Silke Prause sagt:

    Tolles Shirt! Schlicht, aber sehr oho überzeugt halt doch oft am meisten! Ich liebäugele schon lange mit gleichnamigem Kleid, da ich mal ein Kaufkleid aus Leinen hatte in schrägem Fadenlauf mit sagenhaftem Fall. Der Stoffverbrauch hat mich bisher abgeschreckt.
    Den Saltmarshskirt kann ich auch sehr empfehlen!

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Silke, den Saltmarshskirt würde ich für den Sommer in Angriff nehmen. Das Curlew als Kleidversion steht auch weit oben auf der To-Sew-Liste. Du hast vollkommen recht, der Stoffverbrauch ist enorm. Ich glaube aber, wenn man die Schnittteile ein wenig „unkonventionell“ legt, kann man schon einiges an Stoffmenge einsparen. Oder eben die erwähnten Teilungsnähte einplanen. Und noch ein Tipp: Größere Mengen Leinenstoffe kann man oft recht günstig bei Ebay Kleinanzeigen finden. Oder in Muttis oder Omis „Aussteuer“. ;-)

  2. Gisela sagt:

    Sehr schönes Shirt! Das Buch habe ich auch seit drei Jahren, immer wieder blättere ich es durch, bewundere die Bilder, suche mir Modelle aus – und trau mich dann doch nicht … Danke für den Anstupser, es doch mal zu wagen! Und was soll aus dem Cordstoff werden?

    1. Ulrike sagt:

      Der Cordstoff wird eine coole Hose. Die zeige ich demnächst dann natürlich auch hier. Probier unbedingt mal eines der Schnittmuster aus. Die sind wirklich gut durchdacht.
      Liebe Grüße, Ulrike

  3. Jutta sagt:

    Danke für deinen tollen Beitrag. Ich habe mir das Buch vor vier Jahren aus Liberty London mitgebracht und liebe es sehr. Bisher hab ich das Bantam Top und das Curlew Dress genäht und liebäugel auch mit der strides trousers. Aber meine Liste ist auch lang…. Liebe Grüße, Jutta

    1. Ulrike sagt:

      Am liebsten würde ich ja direkt alles nähen… schade dass man zum Nähbuch nicht auch noch ein paar Stunden Nähzeit dazukaufen kann. ;-)
      Liebste Grüße, Ulrike

  4. Inga sagt:

    Liebe Ulrike, das mit dem schrägen Fadenlauf ist ein toller Tipp – eigentlich ganz logisch, aber von selbst drauf gekommen wäre ich nicht. Das probiere ich bestimmt irgendwann mal aus.
    Liebe Grüße
    Inga

    1. Ulrike sagt:

      Solche Schnitte im schrägen Fadenlauf gibt es tatsächlich auch ziemlich selten. Aber es ist total spannend, einmal so zu nähen. Und das Shirt/ die Bluse ist ein perfektes Basicteil geworden.
      Liebe Grüße, Ulrike

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