Nachhaltig nähen

Nachhaltig nähen mit Ramie?!

Nachhaltig nähen mit Ramie

Wer sich für Naturfasern interessiert und gern auch einmal einen Leinenstoff vernäht, wird früher oder später über diese Faser stolpern: Ramie. In Fernost und im Orient ist die Faser seit Jahrtausenden bekannt. Hierzulande ist sie nur schwer zu bekommen. Warum? Und ist das Nähen mit Stoff aus Ramie wirklich so nachhaltig, wie wir denken? Das klären wir im folgenden Artikel.

Ramie - das Leinen des fernen Ostens. Ramie hat ein besonders nachhaltiges Image. Aber wie nachhaltig ist der "Stoff aus Gras" wirklich?

Nachhaltig nähen mit Stoff aus Ramie?

Ramie hat ein richtig gutes Image. Zumindest unter denen, die schon einmal von Ramie gehört haben. Eine kleine, nicht repräsentative Umfrage unter meinen Follower*innen auf Instagram ergab, dass vierzig Prozent der Teilnehmenden den Stoff noch gar nicht kennen. Laut einer weiteren Umfrage schätzen mehr als Zweidrittel der teilnehmenden Personen Ramie in erster Linie als nachhaltig ein. Ein Viertel findet, dass Ramie selten ist. Sechs Prozent empfinden den Stoff als teuer und ein Prozent als billig. Was ist dran an Ramies Image?

Material und Herstellung

Ramie lässt sich gut mit Leinen vergleichen und wird teilweise sogar als das „Leinen des fernen Ostens“[1] bezeichnet. Die krautige Pflanze aus der Familie der Nesselgewächse ist auch unter dem Namen Chinaschilf bekannt und wird diesem Namen entsprechend vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten (Süd-)Ostasiens angebaut. Der Großteil der industriell angebauten Ramie stammt aus China. Ein kleiner Teil kommt auch aus Europa und Südamerika.

Ramie ist eine Pflanzenfaser aus Zellulose und damit (sofern sie nicht mit Kunstfasern vermischt wurde) komplett biologisch abbaubar. Genau wie Leinen ist die Pflanze beim Anbau sehr genügsam, benötigt kaum Pestizide oder Insektizide und keine künstliche Bewässerung. Ramie ist mehrjährig. Dementsprechend wird die Pflanze also im Gegensatz zu Flachs nicht bei jeder Ernte komplett gerodet, sondern treibt immer wieder neu aus dem Wurzelstock aus. Pro Jahr können dadurch in den Tropen und Subtropen vier bis acht Ernten eingefahren werden. Während in gemäßigten Klimazonen nur ein bis zwei mögliche Ernten pro Jahr möglich sind. Der Ernteertrag von Ramie ist mit durchschnittlich 1,5 Tonnen pro Hektar[2] vergleichbar mit dem von Leinen.

Ramie bringt zwei weitere große Vorteile mit sich:

  1. Ihre Feinheit – Ramiefasern sind besonders lang und fein. Keine Bastfaser kann derzeit so fein verarbeitet werden wie Ramie. Ramiegarne erreichen eine Feinheit von bis zu 100Nm, das heißt ein Gramm Garn ist 100 Meter lang.[3]
  2. Ihre Helligkeit – Ramiefasern sind nach der Gewinnung nahezu schneeweiß. Sie müssen also vor dem Färben nicht gebleicht werden.
Ramie - ein seltener Stoff mit guten Eigenschaften

Das Problem von Ramie

Ramie hat ein sehr ökologisches Image. Folglich gilt das Nähen mit Stoff aus Ramie in Nähkreisen als besonders nachhaltig. Ramie verspricht hier etwas, das es nicht halten kann. Denn erstens ist die Verarbeitung von der Pflanze zur Faser ist sehr aufwändig und erfordert einen hohen Einsatz an Energie. Und zweitens werden dabei leider auch giftige Chemikalien eingesetzt. Das macht Ramie einerseits vergleichsweise teuer und beeinflusst andererseits die Nachhaltigkeit des Materials negativ.

Um an das Pflanzeninnere zu gelangen, werden die Stängel zunächst (manuell oder maschinell) entrindet. Die Pektine, welche die einzelnen Fasern zusammenhalten sind sehr hart und nur schwer zu lösen. Sie werden i.d.R. mittels chemischer Verfahren (Degummierung) entfernt: das Rohmaterial wird dabei in heißer Natronlauge und Natriumcarbonat gekocht, bis die Einzelfasern freiliegen. Bevor die Ramie zu Garnen weiterverarbeitet werden kann, muss sie mehrfach gespült und gewaschen. Der Wasserverbrauch bei diesem Prozess ist sehr hoch und der Einsatz giftiger Chemikalien eine große Belastung für die Umwelt. Umweltschonendere Verfahren zur Extraktion der Ramiefasern (z.B. biochemische Behandlung mit Enzymen) sind bisher entweder nicht wirtschaftlich oder liefern nicht die gewohnte Qualität.

Im industriellen Maßstab wird Ramie daher extrem selten für Textilien eingesetzt, sondern aufgrund ihrer besonderen Festigkeit zur Herstellung von Banknoten, Tauen und technischen Anlagen verwendet. Insofern hat die Nähszene großes Glück, denn wir können diese seltene Faser als Meterware kaufen und die Vorteile von Ramie für unsere Kleidung nutzen. Aber so nachhaltig wie ihr Image es verspricht, ist das Nähen mit Stoff aus Ramie am Ende leider doch nicht.

Ramie ist besonders reißfest und eignet sich gut um sommerliche Hosen und andere Kleidung zu nähen

Eigenschaften

Die Eigenschaften von Ramie ähneln denen von Leinen sehr stark und übertreffen sie teilweise. Ramiefasern sind extrem lang und fein. Bis zu 600 mm lang kann eine einzelne Faser werden. Das schafft keine andere Bastfaser! Und auch ihre Festigkeit übertrifft die von Leinen um das Zwei- bis Dreifache. Dadurch ist Ramie allerdings auch sehr unelastisch und knittert leicht. Man liebt es oder man hasst es. Durch die Reißfestigkeit eignet sich Ramie super für sommerliche Hosen, die auch stärker beansprucht sein dürfen.

Die Oberfläche von Ramie ist besonders glatt, fusselfrei und hat einen leichten, seidenähnlichen Glanz. Das Material kann Feuchtigkeit gut aufnehmen und wirkt kühlend. Diesen Effekt kann man sich insbesondere für Sommerkleidung zunutze machen.

Ramie mit einer bunten Mischung von alten Knöpfen

Bedeutung und Nachhaltigkeit

Eigentlich ist der Anbau von Ramie extrem nachhaltig und dem von Baumwolle weit überlegen. Die Haltbarkeit und Qualität der Faser sprechen ebenfalls dafür, dass es sich bei Ramie um eine nachhaltige Faser handelt. Trotz der vielen Vorteile, die Ramie bietet, ist die Faser nur ein Randphämomen auf dem weltweiten Textilmarkt. Ramie macht gerade einmal 0,14 Prozent der weltweiten Produktionsmenge von Textilfasern aus.[4] Dies liegt vor allem an dem extrem aufwändigen Aufschlussverfahren. Ramie konnte sich bislang nicht wirtschaftlich durchsetzen. Die Faser ist entsprechend selten und verhältnismäßig teuer.

Da die Faser fast ausschließlich in (Süd-)Ostasien angebaut wird und die Transportwege entsprechend lang sind, hat Ramie einen wesentlich höheren CO2-Verbrauch als beispielsweise europäisches Leinen.

Ramiestoffe mit GOTS oder Bio-Siegel (mehr Infos zu Bio-Siegeln gibt es in diesem Beitrag) sind ein extrem seltenes Gut. Diese Ramiestoffe werden wahrscheinlich mit weniger Chemikalieneinsatz hergestellt . Wenn möglich sollte man aus Nachhaltigkeitsgründen diesen zertifizierten Stoffen den Vorzug geben. Das Nähen mit einem bio-zertifizierten Stoff aus Ramie ist nämlich wirklich nachhaltig.

Ramiestoffe aus kbA sind nicht so leicht zu finden. Mögliche Bezugsquellen sind (Werbung ohne Auftrag):

Konventionelle Ramie-Stoffe habe ich bei folgenden Shops gefunden (Werbung ohne Auftrag)::

Meterware aus Ramie ist derzeit nur als Webware auf dem Markt erhältlich

Stoffe aus Ramie

Da Ramie so selten ist, gibt es bislang fast ausschließlich Webware in Form von Voile, Batist oder Twill auf dem Markt. Maschenware aus Ramiegarnen konnte ich bisher nicht entdecken.

Verarbeitung von Ramiestoffen

Ramie lässt sich sehr gut mit der Haushaltsnähmaschine verarbeiten. Frisch gewaschen bringt der Stoff eine gewisse Steifigkeit mit, wodurch er leicht zu vernähen und akkurat zu bügeln ist. Da Ramie nicht elastisch ist, sollte man bei der Wahl des Schnittmusters eine gewisse Mehrweite einplanen. Für eng anliegende Schnitte ist Ramie weniger geeignet. Besonders gut eignen sich Schnittmuster, die für Leinenstoffe konzipiert wurden.

Wie für alle Naturfasern gilt auch hier: Ramie kann beim Waschen einlaufen. Ramie bitte immer vorwaschen – auch wenn der Stoff ab Werk bereits vorgewaschen wurde, sonst kann es unliebsame Überraschungen geben.

Die empfohlene Nadelstärke zum Vernähen von Ramie richtet sich nach der tatsächlichen Stoffdicke. Für leichte Ramie-Voiles genügt oft eine 70er Universalnadel. Feste Stofftwills benötigen eher eine Nadel der Stärke 100.

Pflege von Ramiestoffen

Ramie ist ein sehr pflegeleichter Stoff, dem Waschen und Schleudern wenig ausmachen. Es ist genau wie Leinen sehr resistent gegen Waschlaugen und kann mit fast jedem Waschmittel in der Maschine gewaschen werden. Um der Knitterneigung von Ramie entgegen zu wirken, sollte man kein wassersparendes Programm verwenden und auf starkes Schleudern verzichten. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, wäscht Kleidungsstücke aus Ramie im Feinwaschgang bei 30 Grad mit einem Feinwaschmittel, das die Farben schont. Da Bastfasern wie Ramie antibakteriell und schmutzabweisend wirken, ist häufiges Waschen nicht notwendig. Gründliches Lüften kann einen Waschgang oft ersetzen.

Ramie ist als Meterware nur schwer zu bekommen

Fazit

Konventionell hergestellte Ramie ist leider nicht ganz so nachhaltig, wie ihr Image. Ja, das Material hat einige Vorteile und der finale Stoff ist in gewisser Weise schon nachhaltig aufgrund seiner enormen Reißfestigkeit und Langlebigkeit. Aber der Produktionsprozess birgt in der Regel noch große Defizite. Ramie könnte das perfekte nachhaltige Material sein, wenn die Degummierung mit einem geringeren Chemikalieneinsatz gelänge. Wirklich nachhaltig ist Ramie derzeit nur dann, wenn die Faser aus kontrolliert biologischem Anbau stammt oder regional geerntet wurde. Nachhaltigere Alternativen sind Bastfasern (Leinen, Hanf etc.) aus europäischem Anbau.

SuSe Info Checkliste:

  • kein Einsatz von Pestiziden, Insektiziden und Düngern beim Anbau erforderlich
  • keine künstliche Bewässerung beim Anbau
  • muss nicht gebleicht werden
  • hohe Reißfestigkeit, Haltbarkeit und Langlebigkeit
  • als reine Naturfaser biologisch abbaubar
  • positive Trageeigenschaften
  • Hoher Energiedarf und Arbeitsaufwand beim Faseraufschluss
  • Chemikalieneinsatz erforderlich
  • Anbau in tropischen und subtropischen Regionen → weite Transportwege
  • Sehr selten, kaum als Bio-Produkt zu erwerben
  • Knitteranfälligkeit des Stoffes

[1] Stoff und Faden Materiallexikon, Constanze Derham 2016

[2] Laut UN-Statistik liegt der Flächenertrag von Ramie in Laos und Brasilien bei fast 3 Tonnen je Hektar, in China bei ca. 1,6 Tonnen je Hektar. Probeanbauten in Deutschland kommen auf 0,8 bis 1,8 Tonnen je Hektar. Im Vergleich dazu liegt der Flächenertrag von Faserlein in Westeuropa bei 0,9 bis 2,6 Tonnen je Hektar.

[3] Im Vergleich dazu erreichen Leinengarne bis zu 80Nm, also 1 Gramm Garn hat bis zu 80 Meter Lauflänge, Hanf bis zu 30 Meter.

[4] Weltweite Produktionsmenge von Textilfasern im Jahr 2020: 108,3 Millionen Tonnen (davon 80,9 Millionen Tonnen Chemiefasern und ca. 150.000 Tonnen Ramie)

10 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. AniLorak sagt:

    Vielen lieben Dank für das Teilen des Wissens. Sehr informativ und wieder was gelernt. Ich besitze einen Rock aus Ramie. Lieben Gruss Karolina

  2. Antonia sagt:

    Sehr interessant, vielen Dank für den informativen Artikel. Ich kannte Ramie zwar, aber natürlich nicht so im Detail und vernäht hab ich sie auch noch nicht. Schade, dass die Verarbeitung die “natürliche Nachhaltigkeit” zunichte macht, aber GOTS ist dann ja zumindest – wie eigtl. immer – eine gute Alternative.

    1. Ulrike sagt:

      Hallo Antonia,
      das Optimum wäre natürlich ein bio-zertifizierter Ramie-Stoff. Leider gibt es den extremst selten.
      Aber auch konventionelle Ramie hat Vorteile. Das muss (leider) jede*r selbst abwägen, inwiefern der Herstellungsprozess in ethisch-moralischer Hinsicht zu Buche schlägt.
      Liebe Grüße, Ulrike

  3. Bine sagt:

    Liebe Ulrike,
    vielen Dank für diesen wunderbar informativen Blogpost. Tatsächlich hatte ich Ramie als nachhaltig im Kopf. Wieder was dazugelernt! Vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Bine

    1. Ulrike sagt:

      Liebe Bine,
      so richtig “unnachhaltig” ist der Stoff ja auch gar nicht. Aber er könnte noch viel, viel nachhaltiger sein, wenn man den Aufschließungsprozess der Fasern mit weniger Chemie bestreiten könnte…
      Bis die Verfahren optimiert wurden, müssen wir erst einmal nehmen, was wir kriegen können.
      Liebe Grüße, Ulrike

  4. Marina sagt:

    Liebe Ulrike,
    ich kannte Ramie bis zu deiner Umfrage überhaupt nicht 🙈
    Wahnsinnig interessant, was da bisher an mir vorbeiging! Danke für die tollen Informationen ❤️
    Liebe Grüße,
    Marina

    1. Ulrike sagt:

      Liebe Marina,
      verrückt, dass du nie davon gehört hast. Inzwischen habe ich den Stoff vernäht und muss sagen: Das ist ein echtes Traummaterial! Bin ein bisschen in love. Solltest du dringend mal probieren!
      Liebe Grüße, Ulrike

  5. T sagt:

    Ich bin auf Ramie gekommen, als ich zu Stoff aus Brennnesselfasern recherchiert habe, vernäht habe ich aber beides noch nicht. Hast du während deiner Recherche eine Gegenüberstellung gefunden, wie hoch der Wasserverbrauch, Pestizideinsatz, Energieverbrauch, Chemikalien im Verarbeitungsprozess etc. im Vergleich verschiedener Stoffarten sind? Das fänd ich mal wahnsinnig interessant.
    Dass die Wirtschaftlichkeit bei Ramie nur durch den Einsatz von Chemikalien gegeben ist, finde ich etwas merkwürdig. Es wurden ja historisch auch Leinen- und Brennnesselfasern mit Wasserröste (einweichen bis sich die Fasern lösen) und anschließender mechanischer Bearbeitung gewonnen. Bei Ramie müsste es ja dann ähnlich funktionieren, zumal der Stoff schon lange gewonnen wird. Das Verfahren dauert bloß länger (Ich glaube, bei Leinen und Brennnesseln wären es ca 2 Wochen).
    PS: Spricht man die Faser eigentlich Rami aus oder RamiE?

    1. Ulrike sagt:

      Hallo,
      konkrete Mengenangaben zu Wasser, Chemikalien etc. habe ich bisher nicht gefunden, jedenfalls nicht so, dass sie vergleichbar wären. Ich hoffe aber, irgendwann genug Infos zu haben, um die Materialien fundiert vergleichen zu können.
      Wasserröste wird heute im industriellen Maßstab für Leinen verwendet und ist aus ökologischer Sicht nicht unumstritten. Tauröste wäre hier das nachhaltigere Verfahren, aber auch das unsichere und längere. Diese Verfahren eignen sich aber nicht bei Ramie, weil die Pektine, die die Einzelfasern zusammenhalten, extrem schwer zu lösen sind. Das geht nur entweder mit Chemie oder sehr, sehr viel Handarbeit. Zweiteres kann heutzutage im erforderlichen Maßstab nicht mehr erbracht werden. Möglich wäre es aber durchaus. Es gibt auch Studien für weitere, weniger chemikalienlastige Aufschlussverfahren, die aber bisher nicht den gewünschten Erfolg bringen. Wer weiß, vielleicht gelingt früher oder später einer findigen Person ein nachhaltiger Durchbruch. Bis dahin müssen wir bei diesem wunderbaren Material leider Abstriche machen.
      Viele Grüße, Ulrike

      P.S.: Für mich heißt es Ramiiiii…. aber ob das stimmt???

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich hab's verstanden.